Blattkritik: Joachim Spiering, Chefredakteur “Euro am Sonntag”, über “Gala”.

Blattkritik_Joachim Spiering über Gala_600x400Joachim Spiering muss Gala eigentlich super finden, schon um seiner Frau die wöchentliche Lektüre nicht zu vermiesen. Ein paar Haare findet der Chefredakteur von Euro am Sonntag in Gruner + Jahrs Promi-Klatsch-Süppchen dann aber doch.

Die Ausgangslage
Ach herrje, die Gala also. Klatsch und People im Hochglanzkonzentrat. Und das soll von einem Wirtschafts- und Finanzmann beurteilt werden, dessen Job im Vergleich dazu so trocken erscheint wie die Wüste Gobi? Dabei gäbe es auch in der Wirtschaftswelt genügend Klatschthemen. Wer schläft mit wem? Und warum? Weshalb tragen hochdotierte Manager oft so schlecht sitzende Anzüge? Und wie heißt der Barbier von Daimler-Chef Dieter Zetsche? Doch das ist nicht unser Business. Wir schreiben über Konjunktur, Krisen und Kapital. Meine Frau sagt, sie finde die “Gala” super.

Der erste Eindruck
Die Seite 1. Cooles Papier. Ist das überhaupt Papier? Jedenfalls Hochglanz pur. Ganz groß auf dem Cover Michelle Hunziker. Die mag ich. Schade, dass sie nun eine “Liebeskrise” hat. Muss ich lesen. Das Exklusiv-Interview mit Sharon Stone könnte auch interessant sein. Alles Royale ist eher nicht so mein Ding, aber dass die anstehende “Traumhochzeit” im schwedischen Königshaus vielen Lesern zu Herzen geht, ist auch klar. Schumis Sohn kommt auch noch vor. Und “Wie man den neuen Batik-Look schminkt”, ist mir zwar schleierhaft (ich trag eh wenig Batik), aber das erklärt mir ja “Gala”. Die Seite 1: Eine klare 1.

Was kommt
Nach dem ersten Durchblättern bin ich ein wenig frustriert. All das Elend bei den Schönen und Reichen. Michelle in den Fängen der Schwiegermutter, Brad Pitt und George Clooney aufs Messer zerstritten (hätte davon gerne mehr gelesen und wäre auch ein schönes Thema fürs Cover gewesen), bei Schwedens Prinzessin Madeleine läuft auch nicht alles rund und Ben Affleck ist ins Kloster geflohen, um über seine Beziehungskrise mit Jennifer Garner nachzudenken. Sehr traurig das alles. Aber das gehört natürlich zum “Gala”-Konzept. Bad news are good news. Wir Normalos sollen ruhig sehen, dass die Oberen auch ihre Probleme haben. Wie gut, dass sich die “Gala” auch um unser Wohl kümmert und uns in unzähligen Rubriken erklärt, was Frauen tragen sollten (weiße Spitze) und was nicht (alte Schlaghosen), wie die Anti-Cellulite-Saugglocke aus medizinischem Silikon funktioniert, wo wir genüsslich wandern können und wie gut es ist, dass es in der Wasserlinien-Serie der Deos von CD nun auch den “praktischen Cremestift” gibt.

Blattkritik-Gala-Screenshot 4.6.2015

Was bleibt
Die “Gala” ist auf ihre Art perfekt. Wer sich für beauty people und Beauty-Produkte interessiert, wird optimal bedient. Dass die Grenzen zwischen redaktioneller Berichterstattung und versteckter Werbung manchmal fließend sind, dürfte kaum einen Leser stören. Mich schon. Gestört hat mich auch, dass die auf Seite 1 groß angekündigte Sharon-Stone-Story im Heft ein eher dünnes Geschichtchen war, dass es kaum Storys zu deutschen Promis gab und dass bei einigen Überschriften der Sinn schon arg strapaziert wurde (Mein Favorit: Das VIP-Geheimnis des Overalls). Dennoch: Gelesen habe ich die “Gala” gerne. Promimäßig fühle ich mich wieder etwas mehr auf der Höhe der Zeit und ein paar interessante Kultur- und Lifestyle-Tipps habe ich auch mit auf den Weg bekommen. Das ist doch super.

Im Reigen der Blattkritiken erschienen bisher folgende Beiträge:
– Anne Meyer-Minnemann am 31.5.2015 über “Donna”
– Katja Hertin am 24.5.2015 über “Séparée”.
– Janina Gatzky und Ute Gliwa am 17.5.2015 über den “Playboy”
– Florian Boitin am 10.5.2015 über “Clap”
– Peter Böhling am 2.5.2015 über “Cicero”
– Christoph Schwennicke am 26.4.2015 über “Kontext”.
– Josef-Otto Freudenreich am 19.4.2015 über die “B.Z.”.
– Peter Huth am 11.4.2015 über “Geo Wissen Gesundheit”.
– Michael Schaper am 4.4.2015 über die deutsche “People”

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