turi2 edition #12, 50 Vorbilder: Raúl Krauthausen schreibt über Theresia Degener.


Aktivistin mit Einfluss: Theresia Degener wurde ohne Arme geboren und ringt mit Erfolg um die Rechte von Menschen mit Behinderung – auf der Straße genauso wie im UN-Gebäude. Raúl Krauthausen, Autor und Aktivist, erzählt in der turi2 edition #12 von ihrem Kampf und warum er an ihrer Seite ist.

Nicht viele Menschen können mit wenigen Worten Klarheit schaffen. Theresia Degener ist einer von ihnen. “Es gibt ja keine Alternative”, sagte sie mir einmal, “andere Menschen, die sich politisch engagieren und nicht behindert sind, die können wählen”. Die können mal gegen Atomkraft protestieren und mal gegen Gentechnik – “wir Behinderte haben nicht die Chance, keine Behindertenpolitik zu machen. Wer, wenn nicht wir, kann die Welt verändern? Das können nur wir selbst.” Das saß.

Wesentliche Rechte für Menschen mit Behinderung musste in Deutschland die Behindertenbewegung erkämpfen, mittendrin war und ist stets Theresia Degener. Sie ist mein Vorbild – nicht nur, weil sie auf jede Frage zur Inklusion eine Antwort weiß. Nicht nur, weil sie die Mutter der UN-Behindertenrechtskonvention ist, die 2008 in Kraft trat und das Leben von 650 Millionen Menschen beeinflusst. Sie ist auch mein Vorbild, weil ihre Nähe Kraft gibt, ihr trockener Humor ansteckt: “Aus Sonderschulen kommt man behinderter raus, als man hineingeht”, so ihre Bilanz zum Schulsystem. Peng. Alles gesagt, nicht wahr?

Theresia Degener wird 1961 im Münsterland geboren, der Hartnäckigkeit ihrer Eltern verdankt sie, dass sie nicht auf eine Sonderschule muss, wie es das Gesetz damals für Kinder mit Körperbehinderung vorsieht. Sie macht Abitur, zieht in eine Frauen-WG nach Frankfurt am Main, studiert Jura. “Eigentlich wollte ich die aufrecht kämpfende, feministische Rechtsanwältin werden, die die Männerjustiz in Schutt und Asche legt”, sagte sie mir einmal. Wieder: Peng.

In Frankfurt beginnt Degener, sich in einer Szene von Behinderten zu engagieren, die sich selbst um ihre Belange kümmert: Die Gruppe blockiert Gleise, weil die Straßenbahnen, die darauf fahren, nicht barrierefrei sind. Stört Veranstaltungen von Politiker*innen und Verbänden, weil diese lieber patronisierend über Behinderte reden und urteilen als mit ihnen. Die Szene nennt sich selbstbewusst “Krüppel”, im Land entstehen damals “Krüppelgruppen”.

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Das mit der Rechtsanwältin muss erstmal warten. Degener bekommt die Chance, ein Semester in Berkeley zu studieren. Ihr Professor dort weckt in ihr die Begeisterung für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Menschenrechten. Behindertenrechte sind schließlich Menschenrechte.

Mit ihrem Schwung und ihrer Beharrlichkeit hat Theresia Degener viele von uns mitgezogen. Noch immer gibt es viel zu erkämpfen. Seit den frühen 80ern hat sich vieles verbessert. Aber noch immer sind weite Teile Deutschlands nicht barrierefrei, werden viele Kinder in perspektivlose „Förderschulen“ gesteckt und danach in Werkstätten vom Arbeitsmarkt weggesperrt. Noch immer existieren hier Sonderwelten, zu denen die meisten Menschen ohne Behinderung keinen Zugang haben. Dass ich Aktivist geworden bin, hat auch viel mit Theresia Degener zu tun.

Das größte Pfund, das sie der Erde bis jetzt hinterlassen hat, ist die UN-Behindertenrechtskonvention. Durch diese werden endlich die allgemeinen Menschenrechte auch auf Behinderte umfassend angewandt und durchdekliniert. An ihrer Formulierung war Theresia Degener wesentlich beteiligt. Seit den Nullerjahren ist sie eine der weltweit führenden Expert*innen in Sachen Menschenrechte im Allgemeinen und Behindertenrechte im Speziellen.

Manchmal kommt es mir wie Ironie vor, dass ausgerechnet eine Deutsche dieses UN-Weltrecht maßgeblich vorangetrieben hat – sind wir in Deutschland doch allen Selbstbeteuerungen zum Trotz gar nicht so toll im Beseitigen der vielen Diskriminierungen von Menschen mit Behinderung. Daher ist Theresia Degener ein Geschenk. Ich hoffe, dass die Bescherung noch lange andauert.

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