turi2 edition #13: Patricia Schlesinger über Gebühren und Geduld.


Under construction: Patricia Schlesinger lässt beim RBB kaum einen Stein auf dem anderen. Die Intendantin holt mehr Frauen in Führungsjobs und organisiert die journalistische Arbeit neu. Im Gespräch mit Markus Trantow für die turi2 edition #13 stellt sie ARD und ZDF in der Pandemie ein gutes Zeugnis aus und wirbt für “mehr Geduld” mit der Politik: “Was hier passiert, ist neu für uns alle, wir sind eine Lerngemeinschaft.” Sie können das Interview im kostenlosen E-Paper lesen oder das Buch gedruckt bestellen.

Patricia Schlesinger, war 2020 ein gutes oder ein schlechtes Jahr für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland?
Ein schwieriges Jahr. Covid-19 führt uns wie kaum eine andere Krise die Folgen der Globalisierung vor Augen: Alle sind gleichermaßen betroffen. Positiv fand ich im vergangenen Jahr, dass die Menschen gezeigt haben, wie sehr sie den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nutzen. Sie haben unsere Angebote in Fernsehen, Radio und TV intensiver angesteuert als in den vergangenen Jahren. Im Idealfall sind wir für die Menschen wie ein guter Freund, der ihnen Informationen und Rat gibt, wenn sie danach fragen, der da ist, wenn es ihnen schlecht geht – aber auch, wenn sie einfach eine gute Zeit haben wollen.

Nun will der gute Freund mehr Geld – doch das wurde ihm jetzt verwehrt.
In der Diskussion wurden zwei Dinge vermischt, die eigentlich nicht vermischt werden dürfen: Auf der einen Seite steht unser gesellschaftlicher Auftrag, auf der anderen Seite die auskömmliche Finanzierung. Wir haben nicht umsonst eine von uns und der Politik unabhängige Kommission zur Ermittlung unseres Finanzbedarfs – und deren Vorschlag für eine Erhöhung hat nichts mit der Politik zu tun. Das haben die Mütter und Väter unseres Grundgesetzes so vorgesehen. Jetzt muss das Gericht entscheiden.

Wenn der Rundfunkbeitrag an die Inflationsrate gekoppelt wäre, würde es keine Politisierung mehr geben.
Wir müssen uns zwei Punkte für die Zukunft überlegen: Erstens, was ist der gesellschaftliche Auftrag von ARD, Deutschlandradio und ZDF? Zweitens, wie werden wir auskömmlich finanziert? Dabei darf es nicht nur um Bestandssicherung gehen, sondern – gerade in Zeiten der Digitalisierung – auch um die Entwicklungsmöglichkeiten. Ich begreife uns als Teil des Rückgrats unserer liberalen Demokratie, wir haben eines der besten Rundfunksysteme der Welt, um das uns andere beneiden.

Im Osten bekommt das Bild vom Rückgrat der Demokratie Risse. Geht der gesellschaftliche Konsens über die Rolle von ARD und ZDF gerade verloren?
Ja und nein. Denn auch im Osten des Landes werden wir viel eingeschaltet und die Menschen vertrauen uns, das sagen alle Umfragen. Von daher ist die Diskussion das eine, die tatsächliche Nutzung das andere.

Die Querdenker rufen auf der Demo “Lügenpresse“ und schalten dann die “Abendschau“ ein?
Und sie beschweren sich, wenn sie nicht genügend, aus ihrer Sicht falsch oder nicht im richtigen Zusammenhang vorkommen. Ganz unwichtig scheinen wir bei diesen Gruppen demnach nicht zu sein.

Die Angriffe auf Journalist*innen haben 2020 zugenommen. Geben Sie Ihren Leuten Personenschutz?
Wir ergreifen Vorsichtsmaßnahmen. Es kommen häufiger Personenschützer mit. Was mir wirklich Sorgen macht, sind solche Vorkommnisse: Mitarbeitende werden zu Hause angerufen und es heißt: “Wir wissen, wo deine Kinder zur Schule gehen.“ Oder wenn es Handgreiflichkeiten gibt. Das ist leider alles vorgekommen.

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Wie hat Corona den RBB verändert?
Die Arbeit ist durch Corona für viele Kolleginnen und Kollegen schwieriger geworden. Es macht mich glücklich, dass ich trotzdem eine so große Motivation erlebe. Die Mitarbeitenden im Programm und in der Produktiontragen die größte Last, weil sie unter schwierigen Bedingungen deutlich mehr Programm machen müssen als in normalen Zeiten, dazu kommt die Angst vor Ansteckung. Ich glaube, Corona hat unseren Kompass im Sender und in der Gesellschaft noch mal zurechtgerückt in den Fragen: Was ist uns wichtig? Welche Kultur wollen wir haben? Wie wollen wir leben?

Was sind Ihre Antworten?
Wir müssen zwar kein Geld verdienen, aber wir müssen uns immer wieder fragen, für wen wir unser Programm machen. Machen wir den richtigen Journalismus? Bieten wir die richtige Unterhaltung an? Gerade in Zeiten, in denen die Räume enger werden, Kinos, Theater und Museen geschlossen sind, müssen wir den Raum erweitern. Unsere Haltung muss sein, den Raum groß zu machen. Ich finde, das gelingt uns bisweilen ganz gut.

Viele finden ARD und ZDF nicht kritisch genug.
Das kommt darauf an, wo Sie hingucken: “Tagesschau“, “Tagesthemen“ und “RBB24“ sind Nachrichtensendungen, die es ganz mit Rudolf Augstein halten: “Sagen, was ist.“ Die Meinungsmagazine in der ARD, wie “Kontraste“, “Panorama“ oder “Monitor“, zeigen schon das ganze Bild. Und in unserer Reihe “Wir müssen reden“ kommen nicht nur alle Seiten zu Wort, sondern auch ins Gespräch. Da fragt etwa ein Fitnessstudio-Besitzer, warum er schließen muss, obwohl er alles tut, damit seine Kundinnen und Kunden sich nicht anstecken – und Berlins Regierender Bürgermeister antwortet. Ich finde, dass wir als Berichterstatter, aber auch als Menschen insgesamt vielleicht ein bisschen mehr Geduld haben müssen mit der Politik. Denn das, was hier passiert, ist neu für uns alle, wir sind eine Lerngemeinschaft.

Wenn wir mal vom Corona-Hoch, das ARD und ZDF gerade erleben, absehen: Kommen klassisches Radio und Fernsehen langsam aus der Mode?
In den Zeiten der Krise zeigt sich, was den Menschen wichtig ist. Wir sehen, dass lineares Fernsehen und Radio gerade mehr gebraucht werden. Klar bekommen die Menschen News zuerst übers Smartphone, für die Hintergründe und die Einordnung schalten sie aber die langen Formate im Fernsehen oder im Radio ein.

Wie gewichten Sie die digitalen und die linearen Ausspielwege?
Das Bild ist nicht von mir, ich nutze es trotzdem gern: Wir reiten beide Pferde, das Unglückliche ist, beide fressen. Das lineare ist ein gutes Rennpferd, das digitale ein wildes Fohlen. Wir wissen noch nicht, wann wir komplett umsteigen können. Beide zu reiten bedeutet aber, unser Programm immer wieder zu optimieren: mit weniger Menschen und weniger Geld das gleiche qualitative wie quantitative Programm zu machen. Der Wandel wird sich in den kommenden fünf Jahren beschleunigen und da müssen wir nicht nur mithalten, sondern Maßstäbe setzen.

Ihre Antwort sind Content-Boxen – die Baustelle für den neuen Newsroom haben wir gerade besucht. Was wird sich ändern?
Das beginnt schon in wenigen Monaten: Im neuen System ist nicht mehr der Ausspielweg die erste Maßgabe. In den Content-Boxen entscheiden wir, welche Relevanz eine Nachricht hat und dann geht sie ins Fernsehen, ins Radio oder ins Netz. Das ist ein ganz anderes Arbeiten als bisher – wahrscheinlich der größte Wandel seit der Fusion von ORB und SFB. Der neue Newsroom ist aber nur eine Zwischenlösung. Parallel wird unser neues Medienhaus gebaut, in dem wir das neue System perfektionieren.


Baustellen-Begehung: Der neue Newsroom des RBB ist “wahrscheinlich der größte Wandel seit der Fusion von ORB und SFB“, findet Patricia Schlesinger. (Foto: Holger Talinski)

In der digitalen Welt herrschen Facebook, Google und Co. Wann kommt endlich eine Mediathek für ARD und ZDF?
Wir sind auf dem Weg: Wir verlinken aufeinander, wir haben den gemeinsamen Login. Darüber, wie weit die Zusammenarbeit noch gehen wird, ist noch nicht endgültig entschieden. Wir beim RBB haben mit der Zusammenarbeit mit dem ZDF ganz exzellente Erfahrungen gemacht, wir machen ja das “Mittagsmagazin“ zusammen – in derselben Technik, aber mit unterschiedlichen Redaktionen.

Beim “Morgenmagazin“ arbeiten ARD und ZDF noch wie vor fast 30 Jahren.
Da könnten wir uns überlegen, ob wir das vielleicht ähnlich machen.

Brauchen wir wirklich ARD und ZDF?
Ja, wir brauchen beide. Besser kann es einem Land doch gar nicht gehen: Wir haben zwei verlässliche, gute, kluge Systeme, die unterschiedlich geprägt sind. Die ARD ist regional bestens aufgestellt und vernetzt – da macht uns keiner was vor. Und das ZDF macht auch ein exzellentes Programm, das muss man gar nicht kleinreden.

Wie weit sind RBB und ARD bei der Gleichstellung von Frauen?
In den einzelnen Sendern ist es sehr unterschiedlich, beim RBB halte ich es für vorbildlich, und in der Intendanten-Riege kommt demnächst Katja Wildermuth dazu, was ich sehr schön finde, denn dann haben wir dort ein fast ausgewogenes Verhältnis. Hier beim RBB arbeiten fast 50 Prozent Frauen und in den ersten vier Hierarchie-Ebenen haben wir mit 48,8 Prozent Frauenanteil ein fast ausgewogenes Verhältnis. Wenn ich Führungskräfte suche, suche ich immer die besten Köpfe – und möglichst Frauen.

Gruner + Jahr-Chefin Julia Jäkel hat geschrieben, dass sie die Home-Office-Zeit als Rückfall in alte Rollenbilder erlebt hat: Die Frauen kümmern sie um die Familie, die Männer sitzen in der Video-Konferenz.
Meine Erfahrung ist eine andere. Bei uns gab es auch viele Männer, die ausgefallen sind, weil die Frauen in einer mehrstündigen Schalte saßen. Das muss aber nicht heißen, dass die Beobachtung falsch ist. Vielleicht liegt es daran, dass bei uns in etwa gleich viele Männer und Frauen arbeiten – auch in Führungspositionen – und die haben zu Hause genauso gearbeitet wie im Sender.

Sie sind Mitglied bei ProQuote – warum?
Ich war jahrelang überall die erste oder die einzige Frau und habe gedacht, wir Frauen beißen uns schon durch. Bei mir gab es Männer wie Frauen, die gesagt haben: “Der Kleinen trauen wir das zu.“ Dafür bin ich zwar total dankbar, aber es war zum Teil auch Zufall. Und weil es so nicht sein sollte, brauchen wir die Quote. Sie ist eine Krücke: nicht schön, aber sie hilft. Wenn man gehen kann, kann man sie ja zur Seite legen.

Diversität hat noch mehr Dimensionen: Wie selten arbeiten im RBB Arbeiterkinder, Migrant*innen oder CDU-Wähler*innen?
Welche Partei sie wählen, frage ich die Leute nicht, wenn ich sie einstelle. Auch nicht, ob und in welche Kirche sie gehen. Ich freue mich, dass wir inzwischen mehr Menschen mit Migrationshintergrund vor der Kamera sehen. Aber das muss in den hierarchischen Ebenen noch weitergehen. Und der Hochschulabschluss darf auf Dauer kein entscheidendes Kriterium sein, der Beruf der Eltern ist es schon heute nicht mehr.

turi2.tv: Patricia Schlesinger im Videofragebogen.

Was tun Sie für mehr Diversität?
Wir haben ein Diversity Management eingerichtet, eine Gruppe von Leuten, die sich genau darum kümmert. Sie veranstalten interne und externe Workshops, bieten konkrete Beratung, laden Experten ein, achten aber auch auf Barrierefreiheit oder geschlechtergerechte Sprache.

2022 wollen Sie den ARD-Vorsitz übernehmen. Was haben Sie sich dafür vorgenommen?
Ich habe Interesse angemeldet, mehr noch nicht. Wenn die Intendantenrunde zustimmt, dann besprechen ich die Pläne zuerst mit meinen Kolleginnen und Kollegen, dafür haben Sie sicher Verständnis.

Seit der Wiedervereinigung 1990 standen erst zwei Ost-Intendant*innen an der Spitze der ARD, Sie wären die dritte. Haben die Ost-Sender den richtigen Stellenwert in der ARD?
Zunehmend, ja. Vielleicht gab es mal Zeiten, in denen man lauter trommeln musste. Aktuell sehe ich aber nicht in erster Linie ein Ost-West-Problem. Wobei wir es als Hauptstadtsender auch leichter haben: Wir sind wahrscheinlich der einzige Sender, auf den die ganze Republik einmal am Tag blickt.

ARD-Chef *innen haben für ihre eigenen Sender nur noch wenig Zeit. Was nehmen Sie sich bis 2022 für den RBB vor?
Die Content-Boxen und der Spatenstich für unser digitales Medienhaus sind die wichtigsten Vorhaben. Außerdem bauen wir unsere Regional-Berichterstattung in Brandenburg weiter aus. Gerade in Zeiten, in denen Verlage leiden, Zeitungen eingestellt oder Redaktionen zusammengelegt werden, wollen wir mit mehr Landeskorrespondenten weiter in die Fläche gehen, dahin, wo die Menschen sind.

Welche Schlagzeile wünschen Sie sich für 2021?
“Das ist so gut, das muss vom RBB sein.“


(Foto: Holger Talinski)

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