Blattkritik: Andreas Raabe, Chefredakteur "Kreuzer", über "Zitty".

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Andreas Raabe, Chefredakteur des Stadtmagazins Kreuzer aus Leipzig ("the better Berlin"), nimmt sich das Hauptstadt-Magazin "Zitty" zur Brust. Er findet das ganz große Journalistenglück irgendwo zwischen Kleinanzeigen-Klowand und filzverhüllten Prenzelberg-Muttis. (Foto: Franziska Barth)

Es interessiert zwar keine Sau, aber das Genre des klassischen, alternativen Stadtmagazins gehört eigentlich zu den spannendsten in Deutschland. Gegründet wurden viele dieser Stadtmagazine im Westdeutschland der siebziger Jahre als Sprachrohr der Underground- und Off-Kultur, Gegenöffentlichkeit nannte man das früher. Alternative Konzertschuppen, kleine Programmkinos, langweilige Jazzclubs, radikale Galerien, schwule Theater- und Tanzcompagnies, die auf den Kulturseiten der großen lokalen Tageszeitungen nicht vorkamen, fanden hier eine Bühne, auf der ihre Veranstaltungen angekündigt und besprochen wurden – und urbane Kulturgänger ein nutzwertiges Medium, das ihnen die ganze kulturelle Breite ihrer Stadt darbot. Herzstück der Stadt war das Stadtmagazin und dessen Kern war der Veranstaltungskalender, neben den stets legendären Kleinanzeigenteilen natürlich: Lust & Liebe.

Und weil sie so cool waren, schmückten sich viele Stadtmagazine mit erstaunlich hochwertigen, gut recherchierten Magazingeschichten und politischen, kulturellen oder gesellschaftlichen Analysen, gern aus einer eher linken Sicht auf das Geschehen in der jeweiligen Stadt und unabhängig von den Interessen großer Medienkonzerne oder sesselpupsender Lokalredakteure. Geld konnte man hier nicht verdienen, das war allen klar, vom Verleger bis zum Autor. Im Stadtmagazin schrieb man für Wahrheit, Schönheit, Coolness und vor allem den Spaß, nicht für Money.

Als die Zigarettenwerbung in Zeitschriften verboten wurde (*zwinkerzwinker*) begann der Niedergang der alternativen Stadtmagazine. Heute gibt es in der BRD nicht mal mehr eine Handvoll, die dem totalen Ausverkauf ihrer Inhalte widerstehen konnten, und neben einer ordentlichen Kulturberichterstattung auch noch unabhängigen, gut gemachten lokalen Magazinjournalismus abliefern. Eines dieser Magazine ist die "Zitty" aus Berlin – und zwar, obwohl sie ihren alternativen Charakter schon vor vielen Jahren verloren hat. "Zitty" ist auch deswegen interessant, weil sie ihre Periodizität vor etwas mehr als einem halben Jahr von zweiwöchentlich auf wöchentlich umstellte und von dem für Magazine typischen auf Zeitungsdruckpapier wechselte.

Dahinter steht ein verlegerischer Move, bei dem herkömmliche Medienmanager einen nicht enden wollenden Schreikrampf bekämen: Der Raufeld-Verlag, der ein halbes Jahr vorher schon den direkten Wettbewerber "Tip" kaufte, erwarb die "Zitty" 2014 vom Holtzbrinck-Verlag. Dabei scheint es doch, als wären aufrechte Stadtmagazine in Zeiten des Internets einem einsamen Tode geweiht. Die ganzen tollen Undergroundveranstaltungstipps kann man heutzutage nämlich auf Facebook nachlesen, die Werbung ist auch da, jeder Dödel kann eine Internetzeitung aufmachen und den Leuten damit die Zeit rauben; außerdem, wie gesagt – so richtig Geld haben diese Stadtmagazine eh nie verdient.

Die Umstellung auf eine Wochenzeitschrift ist vielleicht als konsequente, publizistische Kühnheit zu verstehen – doch tatsächlich schien die kleine Redaktion mit dem neuen Rhythmus zunächst überfordert. Dies wurde besonders in den längeren Magazingeschichten deutlich: verspannt und viel weniger relevant wirkte die "Zitty".
Aber seit einigen Wochen ist Besserung in Sicht, das Heft wirkt aufgeräumter, die Storys fokussierter. Mit der Titelgeschichte über wilde Berliner Schwulen-Sex-Partys auf Chrystal Meth schoß die "Zitty" sogar einen echten Coup: Ein paar Tage später wurde der schwule Grünen-Politiker Volker Beck in Berlin mit – genau! – Chrystal Meth erwischt (mutmaßlich!). Woanders nennt man das Glück, im Journalismus heißt es Instinkt: Wenn meine völlig übertrieben aufgezogene, aber trotzdem wahre Geschichte von der Realität überholt wird – und zwar als Topmeldung in der Tagesschau.
Das zeigt, dass die "Zitty" eben doch noch näher dran ist am echten Leben auf der Straße als alle anderen Pressebeausweisten zusammen – und das ist doch das schönste Kompliment für ein Stadtmagazin.

Für Ernüchterung, nein, Schrecken, sorgt allerdings der Blick aufs aktuelle Cover: Eine filzverhüllte Prenzelberg-Mutti! Mit rotbäckiger Baby-Göre! Und der Headline: "Das verflixte erste Jahr"! So was will doch kein Mensch mehr lesen, oder? Im Editorial entschuldigt sich die Redaktion dann auch. Nach "Nazis, Drogen, Hooligans" in den letzten Heften wolle man mal ein schönes Thema machen, genauer "das schönste aller Themen: Kinder". Wahrscheinlich haben die selbst keine Kinder, aber egal: Man muss auch mal das Niveau kontrolliert runterreißen, um es dann wieder anzuziehen – das ist ein alter blattmacherischer Kniff. So sieht es später nämlich aus, als hätte man es noch drauf.

Die beste Rubrik steht aber schon am Anfang des Heftes, dort, wo es von ein paar Seiten mit kleinen und Kleinsttextchen eröffnet wird. Auf einer Doppelseite ist eine Karte Berlins zu sehen, aufgeteilt in Stadtteile. Rund um die Karte stehen Texte mit kurzen Meldungen, lustigen oder weniger lustigen Geschichten, die dann mit Strichen auf der Karte verortet werden. "Aus den Kiezen", heißt die Rubrik, die könnte der "Kreuzer" eigentlich bei der "Zitty" klauen. Der "Kreuzer" würde es aber nie "Kiez" nennen, sondern "Viertel" oder "Hood" oder so. "Aus den Hoods"? Nee. "L.E.-City-Drama", so vielleicht?

Ach so, und der hier ist natürlich auch immer noch dabei, seit Jahren schon; Kleinanzeigen, Rubrik "Harte Welle": "Toilettensklave, 45/1,78 steht Ihnen im Studio nackt fixiert (…) zur Verfügung. Auf Wunsch (…) gründlich (…)." Und so weiter und so fort.

So ist die City, so ist die "Zitty".

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Die Blattkritik erscheint jeden Sonntag bei turi2.de und folgt dem Prinzip des Reigens.

In der Vorwoche hat Stefan Tillmann, Chefredakteur "Zitty", die Zeitschrift "Landidee" kritisiert.

In der Reihe Blattkritik erschienen bisher Beiträge über: 11 Freunde, art, auto motor und sport, B.Z., Bild der Wissenschaft, Capital, chrismon, Cicero, Clap, c’t, Donna, Dummy, Eltern, Emotion, Enorm, Euro am Sonntag, Fit for Fun , Gala, Geo Wissen Gesundheit, Hohe Luft, Horizont, Kicker, Kontext Wochenzeitung, Landidee, L’Officiel Hommes, manager magazin, Merian, National Geographic, People, Playboy, ramp, Séparée, Sneaker Freaker, Spektrum der Wissenschaft, SZ am Wochenende, t3n, taz.de, Tichys Einblick, Titanic, Vice, Walden, Women’s Health, Yps, Zeit-Magazin, Zitty.