turi2 edition #12, 50 Vorbilder: Benjamin Minack schreibt über Christian Gehlsen.


Konstruktiv dagegen: Christian Gehlsen ist Pfarrer, Bürgerrechtler, Landtagsabgeordneter und Sterbebegleiter. Ressourcenmangel-Chef Benjamin Minack beschreibt in der turi2 edition #12 wie er ihn kennenlernt: Minack selbst besetzt gerade ein Haus – und Gehlsen ist der Einzige, der ihn ernst nimmt.

In jeder Schulkarriere gibt es diese Phase, in der sich die eigene Beliebtheit an der Menge der Freundschaftsbuch-Ausfüll-Anfragen ablesen lässt. Zwei Dinge kann man hier lernen: Wie leicht sozialer Status zu messen ist. Und wie wichtig die Inszenierung der eigenen Persönlichkeit für diesen sein kann. Ich war völlig überfordert mit den Aufgaben der Persönlichkeitsinszenierung. Lieblingsfarbe: keine. Lieblingsbuch: Liste zu lang. Lieblingslehrer: komplexe Abwägung.

Ähnlich geht es mir, wenn man mich nach meinen Vorbildern fragt. Habe ich welche? Lebe ich nicht gut damit, dass ich vor allem – und mit viel Freude – Dinge, Menschen, Haltungen ablehne und aus dieser Abgrenzung meinen eigenen Handlungsraum erschaffe? Vorbilder daher auch: nicht vorhanden. Dafür aber Menschen, von denen ich meinen Kindern gerne erzähle, die mich tief beeindruckt haben, die Einfluss darauf hatten, wie ich heute die Welt sehe.

Einer davon ist Christian Gehlsen, Pfarrer, Bürgerrechtler, Landtagsabgeordneter und Sterbebegleiter. Ich lerne ihn am 1. Mai 1994 kennen. Die aufgeklärte Wohlstandsjugend meiner Heimatstadt hat gerade ein Haus besetzt. Unter lautem Gejohle und mit viel Pathos rechtfertigen wir diesen Schritt als Zeichen im Kampf gegen des Schweinesystem und ernstzunehmenden Versuch, einen Ort freier politischer Bildung und selbstbestimmten Lebens zu schaffen. Vielleicht ist Christian an diesem Tag der Einzige, der uns ernst nimmt. Die Polizei bittet, nicht allzu laut zu sein, die Feuerwehr verweist auf die geltenden Bestimmungen für das Unterhalten von Lagerfeuern auf Privatgrundstücken und das Ordnungsamt lädt zu einem Gespräch in etwa vier Wochen.

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Christian kommt am Abend vorbei – mit einer Delegation der PDS und einem Scheck über 1.000 D-Mark für politische Arbeit. Er setzt sich zu uns ans Feuer, singt laut mit, hört interessiert zu. Seit dem Herbst 1989 ist Christian Gehlsen einer der Wende-Stars unserer Stadt. Als Direktor der Wichern-Werkstätten und ausgebildeter Pastor hat er in den Jahren zuvor vielen Dissidenten Unterschlupf geboten, sich für deren Ausreise oder Freilassung eingesetzt. An die Spitze der Revolution – so würde er es sagen – haben ihn andere getrieben. Ein so konsequentes Berufsbild daraus gemacht haben die wenigsten. Nach dem langen Kampf gegen SED und Stasi fordert er intensiv den Austausch, sucht die Konfrontation mit den Tätern von einst. Dabei lernt er viele von denen so gut kennen und kommt ihnen so nahe, dass sich viele alte Bekannte immer wieder verwundert abwenden. Wie kann er nur?!

Er sucht seinen Weg, Einfluss zu nehmen auf das, was im neuen Deutschland geschieht, seiner Kritik an diesem System Ausdruck zu verleihen. Er demonstriert viel. Ist immer vor Ort, wenn es zu Ärger kommen könnte, oft in der ersten Reihe, immer mit einer „Keine Gewalt“-Schärpe, die den gesamten Körper umschlingt. Als er 1994 als parteiloser Abgeordneter für die PDS in den Landtag einzieht, bleibt er Quertreiber und beschert der Landtagsfraktion so manch anstrengende, tief ins Eingemachte gehende Sitzung. Er verlässt die Fraktion noch vor den nächsten Wahlen. Zu stark ist das wechselseitige Unverständnis für den Blick auf die Welt und die Schlussfolgerungen daraus. Christian erlernt die Arbeit mit Wachkomapatienten und das Begleiten von Sterbenden. Er hilft jetzt Menschen zu gehen, die ihn vor 1989 „nicht mit dem Arsch angeschaut hätten“.

Wir sehen uns heute nur noch selten. Einmal im Jahr, an einem Herbstmorgen in seinem Pfarrhäuschen im Oderbruch. Wenn wir uns mit einer langen Umarmung verabschieden, höre ich den immer gleichen Satz: „Benjamin, du bist mein großes Vorbild.“ Eines ist Christian sicher: Konstruktiv dagegen, aber mit aller Kraft menschlicher Zugewandtheit.

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