turi2 edition #11: Oliver Wurm über die Faszination Fußball.


Ein bisschen Pathos: Sport-Journalist und Verleger Oliver Wurm hat schon als Knirps auf dem Asche-Platz in seinem Heimatdorf emotionale Fußball-Momente erlebt. Im Interview mit Peter Turi für die turi2 edition #11 sagt er: “Fußball ist nach Musik die zweite Weltsprache.” Bei allem Ärger über aufgeblähte Wettbewerbe oder den Video-Beweis, überwiegt bei Wurm die Liebe zum Spiel – auch in Zeiten von Corona. Vielleicht, so hofft er, bleibt nach dem Virus ein bisschen Demut.

Oliver, lass uns über unsere Liebe zum Fußball reden. Wann hat dich der Virus gepackt?
Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen, in Ottfingen im Sauerland. Dort hatte der Fußball in den 1980ern einen alles überragenden Stellenwert. Der Ort hatte nur 1.600 Einwohner, zu Spielen der 1. Mannschaft strömten aber 2.000 und nicht selten 3.000 Fans auf den Sportplatz. Als vor einem wichtigen Derby über Nacht ein halber Meter Neuschnee fiel, marschierten Sonntagmorgen zwei Dutzend Männer mit Schaufeln los, und räumten das Spielfeld samt Parkplatzwiese. Im gesamten Kreis wurden alle Spiele abgesagt. Nur bei uns wurde angepfiffen. Die Mannschaft dankte es mit einem Kantersieg.

Schöner alter Ausdruck, den es nur im Ballsport gibt: Kantersieg. Also ein hoher, leicht errungener Sieg.
Die anschließende Feier endete erst Montagfrüh. Nur eine von unzähligen Geschichten aus der Zeit. Diese positive Leidenschaft, dieser Fanatismus, aber auch das wunderbare Gefühl absoluter Geschlossenheit! Schon auf dem Ascheplatz in Ottfingen bin ich dem Fußball bedingungslos verfallen.

Was liebst du am Fußball?
Das Einfache. Wirf einem Kind einen Ball vor die Füße – es kickt ihn intuitiv weg. Gib zwei Kindern einen Ball, und sie bauen mit Jacken oder Dosen ein Tor. Fußball ist nach Musik die zweite Weltsprache, die jeder versteht. Und es ist ein Spiel, das oft in neunzig Minuten das ganze Leben widerspiegelt: Siege feiern, Niederlagen verkraften, sich durchsetzen gegen die, die einem ein Bein stellen wollen, Schmerzen wegstecken, die Nebenleute unterstützen, Solidarität. In seinen besten Momenten ist der Fußball Kunst und die reine Magie.

Klingt pathetisch.
Ist aber so.

Was waren deine schönsten Erlebnisse mit dem Fußball?
Ich durfte als Fan, Spieler und Reporter viel erleben, war bei fünf Weltmeisterschaften vor Ort. Darf ich vielleicht das peinlich-schönste erzählen? Damit könnte ich endlich mein Gewissen erleichtern.

Nur zu.
Als Praktikant bei “Sport-Bild” erhielt ich 1994 die Chance, zu den Aufgaben eines Spielführers mit Fritz Walter zu telefonieren. Mit dem Kapitän der 1954er Weltmeister! Dem ersten Ehrenspielführer der Nationalmannschaft. Ich war so aufgeregt und übermotiviert, dass ich glaubte, ich müsste das Interview mit einem lockeren Spruch eröffnen. Also sagte ich völlig unvermittelt zum Einstieg: “Hallo, hier in Hamburg ist Fritz-Walter-Wetter.” Wer sich mit dem Wunder von Bern ein bisschen auskennt, weiß, dass “dem Fritz sei’ Wetter” strömender Regen bedeutet. Wir telefonierten Ende Juli, über ganz Deutschland brannte die Sonne, bei Temperaturen um die 30 Grad. So auch in Hamburg. Es war die reinste Übersprungshandlung. Entsprechend irritiert reagierte Herr Walter, ich habe das dann einfach überspielt. Aber, und da komme ich nie wieder raus: Ich habe als Praktikant den größten deutschen Fußballer aller Zeiten angeschwindelt.

Du warst jung und aufgeregt, das geht als Entschuldigung durch.
Mein wirklich positiv-aufregendstes Erlebnis war zum Glück ein Tor. Ich erinnere mich an wenig aus der frühen Kindheit bewusst – diesen Treffer allerdings könnte ich als Reinzeichnung anfertigen.

Jetzt sind wir gespannt.
Ein Arbeitskollege meines Vaters betreute die D-Jugend, daher konnte ich dort mittrainieren, obwohl ich eigentlich noch zu jung war. Eine F- oder E-Jugend hatten wir nicht. Ein ganzes Jahr lang verpasste ich keine Einheit. Zum letzten Spiel durfte ich als Belohnung in den Kader. Ich zog das schwarz-gelbe Trikot gleich nach dem Aufstehen an. Ich war so klein, dass meine Mutter die Ärmel mehrfach umkrempelte. Mein erstes Spiel – wenn auch nur auf der Ersatzbank. Wenige Sekunden vor Abpfiff, der Gegner FC Schreibershof führt 1:0, ruft der Trainer vor einer Ecke: “Schiri, wir wechseln!” Und dann: “Komm, Klein Olli – rein!” Klein-Olli war mein Spitzname, da im Team noch ein Groß-Olli stand. Ecke von links, auf unser Heimtor. Der Ball segelt hoch hinein und rollt, aus einem Getümmel heraus, direkt vor meine Füße. Ich stehe am Fünfmeterraum, trete mit der rechten Pike dagegen. Vom linken Innenposten springt der Ball über die Linie, Tor, 1:1! Mit der allerersten Ballberührung im allerersten Pflichtspiel.

Das Wunder von Ottfingen!
Einen schöneren Moment jedenfalls gab es in meiner ganzen aktiven Karriere nicht mehr. Das klingt jetzt aber trauriger, als es ist.

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Was magst du gar nicht am Fußball?
Um mal eine kurze Antwort zu geben: den Videobeweis. Abschaffen. Sofort!

Was nervt am modernen, kommerzialisierten Fußball?
Natürlich freue ich mich nicht auf eine Winter-WM in Katar, selbstverständlich ärgere ich mich über die bis zum Platzen aufgeblähten Europapokal-Wettbewerbe. Natürlich staune ich über die viel zu simpel geführten Diskussionen zum Thema Ultras oder 50+1. Doch wenn Freitagabend auf irgendeinem Acker der Nation das Flutlicht angeknipst wird und ein Ball rollt – dann ist alles weit weg. Dann ist da nur noch das Spiel.

Wie hat sich die Rolle der Journalisten geändert?
Das ist so pauschal nicht zu beantworten. Wer sind “die Journalisten”? Für die Garde, die sich noch mit Spielern zum Hintergrundgespräch in der Pizzeria verabreden konnte, um anschließend in Ruhe eine Exklusiv-Nachricht für die Zeitung aufzubereiten, hat sich alles verändert. Für die, die schon immer lieber das große Ganze beleuchteten, gibt es mehr denn je einzuordnen. Und für einen wie mich, der mit, für und über diesen ganzen Zirkus nach Lust und Laune kreative Einzelnummern entwickelt, ist es das reinste Paradies. Auch für die schrägsten Projekte findet sich unter Fußball-Enthusiasten eine Zielgruppe. Meistens jedenfalls.

Das verlegerisch-journalistische Geschäft mit dem Fußball – du warst mittendrin statt nur dabei. Was war dein größter Erfolg?
Dass ich 2005, auf der Heimfahrt von einem Confed-Cup-Kick in Hannover, die Phantasie entwickelt habe, Deutschland würde 2006 eine Art Sommermärchen erleben. Ich habe wenige Tage später meinen Job als Sportchef der Zeitschrift “Max” gekündigt und im Schnellwaschgang das Fußball-Style-Magazin “Player” entwickelt, mit dem ich als Chefredakteur die Heim-WM hautnah begleiten durfte. Erstmals selbst Verantwortung zu tragen, fühlte sich irre gut an. Mit Abpfiff des Endspiels in Berlin war mir klar, dass ich mich selbstständig machen und nie wieder in ein Angestellten-Verhältnis zurückkehren würde.

Wie sieht eine positive Zukunftsvision für den Fußball aus? Was wünschst du dir?
Dass sich alle im Fußball-Business Agierenden nicht mehr ach so wichtig nehmen. Damit die 90 Minuten bleiben können, was sie sind: das eigentlich Wichtigste!

Stichwort Corona. Was denkst du: Wird nach Corona nichts mehr so sein, wie es mal war?
Wenn gefühlt die ganze Welt über einen so langen Zeitraum gemeinschaftlich den Atem anhält, wird das in keinem Bereich ohne Folgen bleiben. Vieles von dem, was ich mir für 2020 an Projekten aufgebaut hatte, ist binnen Tagen pulverisiert worden. Aber inzwischen habe ich das Gefühl, dass aus der Asche Neues entstehen kann.

Was wird sich für den Fußball ändern?
Man muss kein Prophet sein, um zu prognostizieren, dass im Profifußball zumindest mittelfristig die Zeit der astronomischen Ablösesummen und Gehälter Geschichte sind. Ob der Breitensport einigermaßen stabil durch die Krise kommt? Ich fürchte, die Folgen werden dort über viele Jahre sichtbar sein. Nach einigen Solidaritäts-Initiativen wird alles außer Fußball in der Nische die Chance suchen müssen.

Wird jetzt deutlich, dass das Fußball-Geschäft überdreht ist?
Ja! Wie schnell viele Clubs der Bundesliga und der 2. Liga durch Corona in existentielle Not geraten sind, hat mich überrascht. Dass jeder dritte Club bereits im März die nächste Fernsehrate abgetreten hatte, um laufenden Zahlungsverpflichtungen nachzukommen, zeigt das gesamte Ausmaß eines auf Kante genähten Systems. Aber man fragt sich natürlich auch: Wohin versickern die Milliarden? Vor drei Jahren hat die Deutsche Fußball Liga einen spektakulären TV-Vertrag abgeschlossen, mit einem Zuwachs von 83 Prozent auf 4,46 Milliarden Euro. Die Stadien sind voll, alle internationalen Wettbewerbe maximal vermarktet. Und nach ein paar Wochen Spielunterbrechung droht jedem dritten Proficlub die Insolvenz? Das lässt mich staunend zurück.

Was bleibt?
Mit etwas Glück: ein wenig Demut.

Was wird verschwinden?
Mit etwas Glück: ein wenig Hybris.

Wird Corona eine Generation prägen, wie zuletzt der Zweite Weltkrieg die Menschen geprägt hat?
Es kann passieren, dass nun eine ganze Generation ihr Urvertrauen in die Zukunft verliert. Angesichts des immer stärker drohenden Klimawandels ist das ja ohnehin schon angeknackst. Ich wünsche mir allerdings, dass die Generation Greta erkennt, dass die Chance nun größer denn je geworden ist, dass eine Zukunft in ihrem Sinne entsteht. Covid-19 hat aufgezeigt, wie verletzlich der Planet samt Gästen ist. Ich werde jedenfalls dabei sein, wenn “Fridays for Future” wieder auf die Straße darf.

Mal in die Zukunft gedacht: Wie wird sich unser Verhalten ändern? Werden wir sparsamer? Häuslicher?
Ich fürchte, die Gesellschaft hat diesbezüglich kein ausgeprägtes Langzeitgedächtnis. Glaubt irgendwer ernsthaft, die Leute kaufen zu Weihnachten keine Marken-Fußballschuhe, nur weil die Konzerne im März in einem Mietenstopp-Shitstorm standen?

Werden die Menschen auf Jahre Massenevents meiden?
Für den Fußball schließe ich das aus. Dafür ist die Faszination des Spiels zu groß. Und der soziale Kitt, der von einer dicht gedrängten, pulsierenden Kurve ausgeht, hat eine zu große Anziehungskraft. Es wird auch 2021 unmöglich sein, ohne Beziehungen eine Karte für die Süd in Dortmund zu ergattern. Wie sich die Folgen dieser Pandemie auf Volksfeste oder Konzerte auswirken, das wage ich heute nicht zu prognostizieren.

Wie verändern sich die Medien nach Corona: Erwartest Du ein Massensterben von Print?
Der Teil von Print, der schon vor Corona auf der Palliativstation lag, wird sich früher verabschieden als geplant. Andere werden – um in der Sprache der Virologen zu bleiben – gar nicht merken, dass sie “positiv” waren. Als Print-Enthusiast bleibe ich für meine Titel jedenfalls genau das: positiv! Special-Interest-Magazine sind für die Herausforderungen, die auf die Branche zurollen, ohnehin am besten gewappnet.

Werden Influencer noch wichtiger oder unwichtiger?
Noch nie hat ein ruhiges Meer einen guten Kapitän hervorgebracht. Viele kluge Influencer haben in den nun stürmischen Zeiten an Reputation und auch an Reichweite gewonnen. Bei anderen sah man schnell, dass da nicht viel mehr Potential ist, als eine Handcreme zu präsentieren. Ich hoffe sehr, dass die werbungtreibende Industrie den Unterschied auch erkannt hat – und künftig die substanziell besseren Formate unterstützt.

Gibt es Gewinner in der Krise?
So viele, dass ich hier gar nicht alle aufzählen kann. Leon Goretzka und Joshua Kimmich, die mit der Spenden-Initiative #wekickcorona beeindruckend schnell ein starkes gesellschaftliches Zeichen gesetzt haben. Der Pianist Igor Levit, der jeden Abend ein wunderbares Konzert aus seinem Zuhause streamte. Der Virologe Christian Drosten, der durch den täglichen NDR-Podcast “Corona-Virus-Upate” zu einer Art Vertrautem wurde. Markus Lanz, der während Corona zum wichtigsten Polit-Talker der Nation aufgestiegen ist. Die Reihe könnte man noch um viele Namen erweitern.

Welche Rolle kann der Sport bei der Überwindung der Krise spielen?
In einer Zeit, in der sich die sozialen Milieus zunehmend auflösen, bietet der Sport doch viel mehr als nur Zerstreuung, Spaß und Spiel. Er bietet das so wichtige Gefühl von Gemeinschaft, von Zugehörigkeit. Auch in den Arenen der Proficlubs – aber ganz besonders an der Basis. In der Kabine und am Bratwurststand.

Gibt es etwas Positives im Negativen?
Ich kann nur hoffen, dass wir alle nachdenken, ob das Modell des ewigen Schneller-höher-weiter tatsächlich zukunftsträchtig ist.

Was macht Dir Angst?
Ich mache mir über viele Dinge Gedanken. Aber klassisches “Angst haben” konnte ich mir abgewöhnen. Fast alle geflügelten Worte, die sich im Sprachgebrauch durchgesetzt haben, sind ja im Kern wahr. “Angst ist kein guter Ratgeber” gehört sicher dazu.

Was macht Dir Hoffnung?
2019 wurde ich häufig als Speaker gebucht. Wenn ich den Orga-Teams der Konferenzen im Vorfeld den Titel meines Vortrags durchgab, hielten die das für einen Scherz. Dabei ist es nichts als die Wahrheit: Auf die Schnauze fallen ist auch eine Vorwärtsbewegung.

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