turi2 edition5: Die Digitalprojekte des “Spiegel” im Porträt.


Geschrumpft zu neuer Größe: Der “Spiegel” wurde mit dem digitalen Wandel lange nicht warm. Heute setzen neue Netzprojekte neue Kräfte in der Redaktion frei, schreibt Jens Twiehaus in seinem Porträt für die turi2 edition5.

Aus seinen bodentiefen Bürofenstern blickt Jesper Doub direkt auf die Elbphilharmonie. Die Sonne scheint, die Luft ist klar und gibt den Blick auf die Hafenkräne hinter der funkelnden Konzerthalle frei. Altes Hamburg, neues Hamburg. Ganz ähnlich ist es hier drinnen bei Verlagsleiter Doub: alter “Spiegel”, neuer “Spiegel”. Ein Kulturwandel beschäftigt das gesamte Unternehmen.

Der gebürtige Däne, Vollbart-Träger und von stattlicher Statur, mustert sein Gegenüber mit wachen Augen und lächelt oft. Als Doub 2014 ins Unternehmen kommt, gibt es nichts zu lächeln. Stolze Traditionalisten ringen mit der Moderne, Chefredakteur und Change-Manager Wolfgang Büchner beißt sich die Zähne aus. Ausgerechnet der “Spiegel”, das “Sturmgeschütz der Demokratie”, wie es Gründer Rudolf Augstein nannte, schlittert ins Kürzungsprogramm “Agenda 2018”. Ältere Mitarbeiter – die mit den satten Monatsgehältern – erhalten Abfindungsangebote. Geschäftsbereiche werden ausgelagert. Undenkbar bis zu diesem Zeitpunkt.

“Wie geht es dem ‘Spiegel’?” ist eine Schicksalsfrage der deutschen Medienlandschaft. Entsprechend groß sind die Erwartungen an Doub, der als Technik-Chef kommt, bald darauf die Geschäftsführung von Spiegel Online übernimmt und schließlich auch Verlagsleiter und Spiegel-TV-Chef wird. Mit Geschäftsführer und “Spiegel”-Urgestein Thomas Hass kämpft er für Veränderungen. Es scheint, als habe das Duo Erfolg.

Doch die Frage “Wie geht es dem ‘Spiegel’?” lässt sich nicht in einem Satz beantworten. Jesper Doub gibt an diesem Hamburger Sonnentag zu verstehen: Es ist immer noch kompliziert. Aber der Blick geht endlich nach vorn. Beim “Spiegel” schalten sie spürbar um, von Wunden lecken auf Angriff. Seit Oktober 2015 ist der Jugendableger “Bento” online, entwickelt innerhalb von zwölf Wochen. Im April 2017 bringt ein Team Spiegel Online mit einem eigens produzierten Ableger in die Social-Media-App Snapchat. Entwicklungszeit hier: etwa sechs Wochen. Die digitale Tageszeitung “Spiegel Daily” geht im Mai 2017 als kostenpflichtiges Angebot online. Mehrere Zeitschriften-Launches klappen nicht. Aber immerhin, der Verlag traut sich wieder was. Lange gilt der “Spiegel” als träge. Und tatsächlich: Wer sich mit digitalen Innovationen beschäftigt, landet erst spät an der Ericusspitze. Erstaunlich – denn im Gründungsjahr 1994 ist Spiegel Online das erste Nachrichtenmagazin der Welt, das sich ins Internet traut. Doch in den folgenden Jahren unterschätzen die Hamburger die Wucht des digitalen Wandels.

Im Haus sind die Mitarbeiter die wichtigste Eigentümergruppe. Die Mitarbeiter KG, die eigentlich unabhängigen Journalismus sichern soll, stellt sich im Umbruch als Bremsklotz heraus. Wer schaltet schon gern den Schokobrunnen ab, unter dem es sich gemütlich sitzen lässt? Ungefähr so ist es lange beim “Spiegel”: Das gedruckte Heft verliert Leser und Relevanz, doch die meisten Mitarbeiter bleiben gemütlich sitzen. Die Schokolade sprudelt ja trotzdem noch. Mit “den Onlinern” zusammengehen? Für manche Print-Redakteure mehr als abwegig. Spät setzen sich die Reformer durch. Das reinigende Gewitter der “Agenda 2018”-Reformen trifft einzelne Mitarbeiter hart. Es führt aber auch zum Umdenken. Digitaler Journalismus rückt in den Mittelpunkt. Und mit Geschäftsführer Hass sitzt ein ehemaliger Vorsitzender der Mitarbeiter KG im Chefsessel, der das Unternehmen mit all seinen Befindlichkeiten kennt – und routiniert lenkt.

Lesen Sie den gesamten Text in der turi2 edition “The Digital Me”.

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