Blattkritik: Alexandra Werdes, Chefredakteurin "Warum", über "Flow".

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Alexandra Werdes, Chefredakteurin des Familien-Magazins Warum, liest im Auftrag von turi2 Flow und ist begeistert, dass Gruner + Jahr sich in ein solches Haptik-Abenteuer stürzt. Verwundert ist Werdes darüber, dass in dem "Achtsamkeits-Magazin" nur die schönen Seiten des Lebens Beachtung finden.

Das "Flow"-Erlebnis beginnt schon am Kiosk. Zwischen den Magazin-Stapeln fällt etwas auf, weil etwas fehlt: kein Hochglanz, kein Foto, kein Cover-Model. Stattdessen: matte Oberfläche, ein Bild, gezeichnet. Auf der Illustration klebt eine Art Kofferanhänger aus Kartonpapier – sofort stellt sich bei mir der "Yps"-Effekt ein: ein Gimmick im Heft! Und tatsächlich stehen die Seiten auf, weil da ein Skizzenheft eingeklebt ist und an anderer Stelle ein transparenter Umschlag mit hübsch illustrierten Kärtchen (sie sollen beim Trauern helfen, aber zum Inhalt später mehr).

Beim Durchblättern verstärkt sich mein Eindruck, einen 140 Seiten dicken Schatz in den Händen zu halten. Da wechseln die Papiersorten mitten im Heft von offenporig zu glatt, von normaler Grammatur zu Karton. Es ist fast erstaunlich, dass ein Verlagskonzern wie Gruner + Jahr gewillt war, sich diese drucktechnischen Spielereien zu leisten. (Vielleicht liegt es an den günstigen sonstigen Kosten; denn erfunden wurde das Magazin in einem kleinen niederländischen Verlag, und von dort wird offensichtlich auch ein Gutteil der Geschichten für die deutsche Lizenzausgabe übernommen.) "Flow" zeigt, wie berauschend der Blätterwald sein kann, wenn man das Medium Papier ernst nimmt. Dazu passt, dass wenig mit Stock-Material bebildert wird, sondern sehr viel mit Illustrationen. Keine Frage, ich mag das. Dieses Heft überzeugt mich – optisch und haptisch.

Aber worum geht es in "Flow" überhaupt? Ist es ein Bastelheft, ein Kunstmagazin? Das Geschlechterverhältnis im Impressum und auf den Fotos legt nahe: "Flow" ist ein Frauenmagazin. Die Themen-Mischung erinnert mich (das ist ein Kompliment!) an die "Brigitte" der frühen Neunziger Jahren: Ein bisschen Psycho, ein bisschen kreativ und kochen, ein paar starke Frauen. Es geht zum Beispiel um modern gelebte Nachbarschaft, um den Umgang mit dem Tod, um das Bemalen von Porzellantassen. Alles tröstlich und beruhigend und, wie ich finde, legitim. Das Beste an "Flow" ist aber wieder das, was fehlt: keine Diät-Rezepte, keine Kosmetik-Tipps, keine Mode-Strecken. Die Produkt-Seiten, die jeden der drei Heftteile einleiten, kommen angenehm unaufdringlich daher. Aber das ist schon wieder ein ästhetisches, kein inhaltliches Argument…

Inhaltlich sieht "Flow" sich selbst als "Achtsamkeitsmagazin". Es geht also darum, Dinge bewusst zu tun und die Welt um sich herum ganz bewusst wahrzunehmen. Von den Realitäten dieser Welt wird aber leider ein Großteil – alles Sperrige, Politische – ausgeblendet. Am erkenntnisreichsten ist noch die Geschichte über Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Japan.

Doch spätestens hier tritt für mich auch ein schwerwiegender Mangel zutage: die Eintönigkeit der journalistischen Formen. Denn eigentlich kennt "Flow" nur eine einzige: die wörtliche Rede – sei es als Protokoll, als Interview oder in Form journalistischer Selbsterkundung. Porträts geraten so ebenfalls zu Selbstporträts.

In dieser Hinsicht wirkt "Flow" auf mich sehr digital – wie eine Rückübersetzung der Blog-Kultur ins Print. Einerseits ist das in Ordnung, denn niemals hätte ich die Zeit, mir selbst so viele Anregungen aus dem Netz zu holen. Andererseits möchte ich am liebsten rufen: Geht doch mal raus! Geht doch mal hin! Trefft die Leute doch mal, statt nur zu mailen und zu skypen! Weil die Wahrnehmung von außen fehlt, gibt es auch kaum Eindrücke, Gerüche, Geräusche. Die Texte sind alle ordentlich, aber es geht ihnen genau das Sinnliche ab, das die Gestaltung so wertvoll macht.

Trotzdem: Ich hätte mir das Heft auch ohne diese Verpflichtung zur Blattkritik gekauft – für 6,95 Euro und sogar für ein, zwei Euro mehr. Aber ich glaube nicht, dass ich es regelmäßig tun würde. Vielleicht, wenn ich mal wieder vor einer längeren Fahrt am Bahnhofskiosk stehe, die Wochenzeitung schon durch habe und mir der aktuelle "Brand eins"-Titel zu sperrig erscheint… Kurz: Wenn ich mal einfach nur durch die eher schönen Seiten des Lebens blättern will. Und genau so ist "flow" wohl auch gemeint.

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Die Blattkritik erscheint sonntags bei turi2.de und folgt dem Prinzip des Reigens.

Beim letzten Mal hat Sinja Schütte, Chefredakteurin "Flow", über das Zeit Magazin Mann geschrieben.

Alle Blattkritiken: 11 Freunde, ADAC Motorwelt, Allegra, Apotheken Umschau, art, auto motor und sport, B.Z., Bento.de, Bild der Wissenschaft, Capital, chrismon, Cicero, Clap, c’t, Detektor.fm, Donna, Dummy, Edition F, Eltern, Emotion, Enorm, Euro am Sonntag, Flow, Fit for Fun , Gala, Geo Wissen Gesundheit, Hohe Luft, Horizont, Kicker, Kontext Wochenzeitung, Kreuzer, Landidee, Laura, L’Officiel Hommes, manager magazin, Merian, Morgen Europa, National Geographic, Neon, People, Playboy, Psychologie bringt dich weiter, ramp, Séparée, Sneaker Freaker, Spektrum der Wissenschaft, St. Georg, SZ am Wochenende, t3n, taz.de, Tichys Einblick, Titanic, Vice, Walden, Women’s Health, Yps, Zeit-Magazin, Zeit Magazin Mann, Zitty.