Debatte: Bei der Buchmesse wird viel diskutiert, aber zu wenig über Bücher.

Die Messe ist nicht gelesen: "Spiegel"-Redakteur Xaver von Cranach erlebt die Frankfurter Buchmesse als "ein Schatten ihrer selbst", bei der zu viel über "Boykotte, Solidaritätsbekundungen und Privilegien diskutiert" wird – aber zu wenig über Bücher. Die Debatte über den "winzigen rechten Verlag", wegen dem Jasmina Kuhnke und Raul Krauthausen ihre Teilnahme abgesagt haben, "macht ihn nur größer, als er ist".
spiegel.de (Paid), turi2.de (Background Kuhnke), turi2.de (Background Krauthausen)

Christine Strobl glaubt, die ARD-Mediathek kann sich gegen Netflix und Co. behaupten.

Streamer-Wettstreit: Programm­direktorin Christine Strobl sieht die ARD-Mediathek nicht in direkter Konkurrenz mit Netflix, Disney und Co. Das Öffentlich-Rechtliche biete sauber recherchierte Informationen und vor allem ein lokales Angebot, weswegen man sich "trotz der großen Übermacht der Internationalen" nicht verstecken müsse.
ardaudiothek.de (25-Min-Audio, Strobl ab Minute 13), turi2.de (Background)

Meinung: Springer wirkt wie ein frauenfeindlicher “fremder Planet”.

Filmreif: "Süddeutsche Zeitung"-Journalistin Kathrin Werner sieht in Springer einen "Männer-Party-Haufen" mit toxisch maskuliner Kultur. "Der Konzern wirkt wie aus einer Netflix-Serie entsprungen – oder wie von einem fremden Planeten, auf dem man sich nicht länger aufhalten will. Erst recht nicht als Frau", urteilt sie im "Plan W"-Newsletter. Sie hofft, dass Arbeitsplätze weniger toxisch werden, "wenn man Frauen in Führungspositionen befördert, und zwar nicht nur eine, sondern viele."
sueddeutsche.de

Zitat: Mathias Döpfner sieht alle Probleme, nur nicht seine eigenen, sagt Nils Minkmar.

"Döpfner ist ein Meister darin, Gefahren zu erfinden, um dann vor ihnen zu warnen."

Springer-Chef Mathias Döpfner stellt sich gerne als "Vordenker" dar, urteilt Nils Minkmar in der "Süddeutschen". Die Nachricht, in der er Medienschaffende "Propaganda Assistenten" nennt, verfestigte eher den Eindruck "von den zwei Gesichtern Döpfners".
sueddeutsche.de (Paid)

Der Fotograf Jonas Bendiksen warnt vor Bild-Fälschungen und liefert dafür selbst den Beweis.

Fehlender Fake-Radar: Der norwegische Fotograf Jonas Bendiksen prognostiziert, dass uns bald "riesige Mengen" manipulierter Fotos in den Medien begegnen werden. Er hat einen Bildband voller Fälschungen bei einem Fotojournalismus-Festival eingereicht – und niemand hat es bemerkt. "Digitale Quellenkunde" muss ein Schulfach werden, sagt er.
sueddeutsche.de (Paid)

Meinung: Die Vorgänge um die “Bild”-Zeitung stärken die Richtigen, sagt Annette Leiterer.

Gute Seiten, schlechte Seiten: Der "Ausnahme­zustand" nach den Vorgängen um die "Bild" zeigt, dass sich die Macht in den Medien­häusern verschoben hat, sagt "Zapp"-Redaktionsleiterin Annette Leiterer in den "Tagesthemen". Nicht nur der unabhängige Journalismus gehe gestärkt aus der Sache, sondern auch "Frauen, die Macht­missbrauch aufzeigen".
twitter.com (90-Sek-Video)

Debatte: Münchner Lokal-Radio ist sauer auf die “Süddeutsche Zeitung”.

Zweit­verwertung: Das Münchner Lokalradio Lora beschwert sich über den reduzierten Lokal­teil der "Süddeutschen Zeitung". Die Stadtviertel-Seiten waren für die Radio-Ehren­amtlichen eine "Recherche­grundlage" und verlässliche Quelle, die seit dieser Woche wegfällt. Man hoffe, dass die "SZ" den Umbau "schnellstens rückgängig macht".
lora924.de, sueddeutsche.de

Debatte: Reichelt-Rauswurf ist Springers “strategische Notbremse”.

Causa Reichelt lässt bei Springer "viele Erleichterte und viele Beschädigte zurück", schreibt Hans-Jürgen Jakobs. Der Rauswurf von "Bild"-Chef Julian Reichelt sei eine "strategische Notbremse", um "Reputationsschäden" bei Springers US-Geschäft zu vermeiden. Jakobs sieht auch Springer-Boss Mathias Döpfner beschädigt, der bis zuletzt fest zu Reichelt stand.
handelsblatt.com (Paid), turi2.de (Background)

Debatte: Ippen-Veto zeigt Zusammenprall alter und neuer Medienwelt.

Ippen-Veto gegen den BuzzFeed-Beitrag von Ippen Investigativ über Julian Reichelt offenbart, "wie unterschiedlich die alte und die neue Medienwelt ticken", schreibt Stefan Winterbauer (Foto). Verleger Dirk Ippen wolle in der Öffentlichkeit keine schmutzige Wäsche über die Konkurrenz waschen, auch weil er mit Springer-Boss und BDZV-Präsident Mathias Döpfner gemeinsame Interessen habe. In der neuen Medienwelt seien solche Rücksicht­nahmen dagegen "verpönt und von gestern". Recherchen ließen sich "nicht durch das Machtwort eines Verlegers aufhalten" und finden nun über die "New York Times" ihren Weg in die Öffentlichkeit – publiziert von Autor Ben Smith, der bis 2020 Chef­redakteur der US-Ausgabe von BuzzFeed News war.
meedia.de, turi2.de (Background)

Debatte: Paul-Bernhard Kallen zieht sich bei Burda nicht wirklich zurück.

Halber Wechsel: Paul-Bernhard Kallen (Foto) wird bei Burda auch nach dem Rückzug aus dem Vorstand "freie Hand" haben, schreibt die "FAZ". Zwar übernimmt Martin Weiss als CEO. Doch solange weder die Tochter noch der Sohn von Hubert Burda in den Vorstand nachrücken, "wird der Konzern strategisch vom Verwaltungsrat geführt" – und der wird ab kommendem Jahr von Kallen geleitet.
faz.net (Paid), turi2.de (Background)

Lese-Tipp: Identitätspolitik spaltet nicht, schreibt Soziologin Gesa Lindemann in der “Zeit”.

Lese-Tipp: Eine rigorose Identitätspolitik führt "zu einer Art Überbietungswettbewerb, in dem immer feinere und subtilere Diskriminierungsformen entdeckt werden", schreibt die Soziologin Gesa Lindemann in der "Zeit". Sie sei aber "höchst begrüßenswert", weil sie den "Menschen als ein moralisches und kulturbildendes Wesen begreift." Kritisieren sollte man diese Politik trotzdem.
zeit.de

Horst Haider Munske vergleicht Gendern mit der Rechtschreibreform von 1996.

Verblaßte Erinnerung: Die "sprach­widrigen Regeln" gender­gerechter Sprache ähneln denen der Rechtschreib­reform von 1996, schreibt der Sprach­wissenschaftler Horst Haider Munske in der "Welt". Damals gab es ebenso "eine hitzige öffentliche Kulturdebatte" und "im Ergebnis wurde die Reform ein Reinfall". Das zeige, "was uns droht und wie wir es vermeiden können".
welt.de (Paid)

Meinung: Influencerinnen werden die “Vogue” niemals ersetzen.

Ganz schlechter Stil: Dass für die "Vogue" künftig vor allem Übersetzerinnen statt Journalistinnen arbeiten, werden Leserinnen in Deutschland zwar nicht gleich merken, es wird sie aber irgendwann langweiligen, meint Julia Werner. Das Ralph-Lauren-sozialisierte US-Personal erzähle "jetzt Franzosen und Italienern, was Eleganz und Stil bedeutet". Die Vielfalt sei dahin, Global-Chefin Anna Wintour (Foto) nur noch ein "Denkmal ihrer selbst". Influencerinnen könnten die Rolle der "Vogue" als "Stil-Kompass" nicht übernehmen.
sueddeutsche.de (Paid)

“taz”-Redakteurin tritt wegen Befangenheits-Vorwürfen bei den Grünen aus.

Ewige Diskussion: Wirtschafts­redakteurin Ulrike Herrmann verteidigt in der "taz" ihre 20-jährige Mitglied­schaft bei den Grünen. "Neutralität gibt es nicht", auch nicht unter Journalistinnen, schreibt sie – sonst wären "Kommentare und Meinungsartikel" sinnlos. Sie lasse ihre Mitglied­schaft jetzt trotzdem ruhen, weil "diese Debatten ermüden".
taz.de

Debatte: Das ZDF zeigt sich beim Thema Feyza-Yasmin Ayhan ignorant, sagt Michael Hanfeld.

Wegducken? Das ZDF reagiere mit "Ignoranz" auf die Antisemitismus-Vorwürfe gegen die Serien-Autorin Feyza-Yasmin Ayhan, urteilt Michael Hanfeld in der "FAZ". Laut "Bild" und "Welt" habe die Autorin in der Vergangenheit mehrfach gegen Israel gehetzt. "Das ZDF mag es extrem", sagt Hanfeld – ähnlich wie beim Fall Nemi El-Hassan.
faz.net, bild.de, welt.de

Debatte: Samira El Ouassil kritisiert Reichweiten-Journalismus.

Eine Zahl ist kein Fakt: Reichweitenjournalismus liefert mit Zahlen – nicht nur in der Corona-Pandemie – Argumente für Fakten-Gegner, kritisiert Kommunikationswissenschaftlerin Samira El Ouassil. Mit richtigen Zahlen ohne echten Kontext entstehe eine falsche Realität: "Im abstrakten Raum sagen die Ziffern für uns erstmal nichts aus."
deutschlandfunk.de (mit 5-Min-Audio)

Meinung: Facebooks Hass-Algorithmus kann durch Gesetze beeinflusst werden.

Hass muss teuer werden: Die Politik muss Facebook dazu zwingen, mehr Geld für die Content-Moderation auszugeben, schreibt der Netzpolitik-Experte Stefan Herwig in der "FAZ". Wenn dadurch "die Profite des Social-Media-Giganten" einknicken, muss Facebook seinen Algorithmus verändern – damit weniger Hass-Rede und Fake News moderiert werden müssen.
"FAZ" Nr. 238 , S. 13 (Paid)

Meinung: Der Shitstorm um Sarah-Lee Heinrich verkennt das eigentliche Problem.

Schulhof-Hetze: Der Shitstorm rund um die Teenager-Tweets von Sarah-Lee Heinrich (Foto) lenkt vom eigentlichen Problem ab, schreibt "Spiegel"-Redakteurin Janne Knödler: Die Gesellschaft empfinde "Antisemitismus, Homophobie, Rassismus" unter 14-Jährigen "scheinbar als normal". Dabei müsse solchen Aussagen nicht nur bei Twitter, sondern auch "auf dem Schulhof" widersprochen werden.
spiegel.de, turi2.de (Background)

Debatte: Rechtsanwalt Carsten Brennecke verteidigt Verschwiegenheitsvereinbarungen mit Medien.

Stumm gestellt: Verschwiegenheits-Verträge mit Medien­schaffenden sind nicht unüblich, sagt Rechts­anwalt Carsten Brennecke im "Journalist"-Interview. Er hält sie für ein "nützliches Instrument für beide Seiten". So bekämen Journalistinnen zum Beispiel Infos "zu kriminellen Machenschaften". Als "Gegenleistung" müssen sie Details verschweigen, wie die Identität des Straf­täters, den der Anwalt vertritt.
journalist.de

Julia Krittian wünscht sich mehr gesellschaftliche Stimmen in Berichten über Sondierungen.

Was Wählerinnen wollen: MDR-Sprecherin Julia Krittian fordert im "Tagesspiegel" mit Blick auf die Sondierungsgespräche der Parteien "neue Formate der politischen Berichterstattung". Statt "immer gleicher Worthülsen oder inhaltsleerer Betrachtungen" sollten Journalistinnen lieber "Jungwähler, Familien, Kunstschaffende, digital Natives, Bildungs­einrichtungen" zu Wort kommen lassen und damit "gesellschaftliche Erwartungen" spiegeln.
tagesspiegel.de

Meinung: Die Zwei-Manegen-Strategie der ARD ist nicht bis zum Ende durchdacht.

Offline chancenlos: Der ARD-Mediathek blüht der gleiche Fehler, den das Erste schon im linearen Fernsehen macht, schreibt Peer Schader bei DWDL: der "Zwang zur permanenten Formatierung". Nicht der Algorithmus bestimmt in der Mediathek, was prominent oben platziert wird, sondern ein Mensch. Schade befürchtet, dass deshalb nur Formate "maximaler Netflixhaftigkeit" durchgewunken werden, die dann wiederum im TV keine Chance haben.
dwdl.de

Meinung: “Lanz & Precht” vereint alle Podcast-Klischees der vergangenen Jahre.

Talkshow für die Ohren: Der Podcast "Lanz & Precht" ist wie "Fest & Flauschig" von Jan Böhmermann und Olli Schulz, "bloß für ZDF-Boomer und unlustig", attestiert Sandro Schroeder. Die Themen plätscherten nur vor sich hin und werden "mit einer LKW-Ladung Selbstdarstellung" versehen. Das ZDF habe mit dem Podcast die Chance verschenkt, etwas Neues zu wagen.
uebermedien.de (Paid)

Friedensnobelpreisträgerin Maria Ressa attackiert Facebook.

Öl ins Feuer: In einem ihrer ersten Interviews nach der Auszeichnung mit dem Friedens­nobelpreis bezeichnet die philippinische Journalistin Maria Ressa Facebook als eine "Gefahr für die Demokratie". Das Netzwerk ziehe die "Verbreitung von Lügen, die mit Wut und Hass durchsetzt sind", Fakten vor. Damit könnten "existenzielle Probleme" wie Klimakrise und Corona-Pandemie nicht gelöst werden.
reuters.com, derstandard.de, turi2.de (Background)

Debatte: Ehemaliger Vize-Regierungssprecher Georg Streiter wettert gegen Gabor Steingart.

Streiter streitet: Georg Streiter, von 2011 bis 2018 Vize-Regierungs­sprecher, bezeichnet Gabor Steingart in einem Blog-Eintrag als "Heuchler". Steingarts Vorwürfe, die Medien würden Armin Laschet nieder­schreiben, klingen "angesichts seiner eigenen Vergangenheit" wie Hohn. Steingart habe früher beim Handelsblatt" selbst "die nieder­trächtigsten Stories" über SPD-Politiker Martin Schulz geschrieben, so Streiter.
georgstreiter.de

Meinung: Die Sperrung von RT Deutsch bei YouTube war ein Fehler, sagt Roland Bathon.

Fake News vs. Pressefreiheit: Osteuropa-Journalist Roland Bathon kritisiert YouTube dafür, den Kanal von RT Deutsch wegen Fake News gesperrt zu haben. Er halte es für einen "restriktiven politischen Akt" eines Unternehmens, "das gerne Vielfalt und Toleranz preist". Die Gesellschaft müsse auch Inhalte wie die des "Putin-Senders" im Sinne der Meinungsvielfalt aushalten. "Sonst müsste man auch eine Zeitung wie 'Bild' sanktionieren", schreibt er im "Freitag".
freitag.de, turi2.de (Background)

Debatte: Die ARD relativiert Manfred Krupps Vorschlag von Werbespots in der Mediathek.

Kommando zurück: Eine ARD-Sprecherin übt sich in Schadensbegrenzung nach der Aussage des HR-Intendanten Manfred Krupp zu möglicher Werbung in Mediathek und Audiothek. Krupps Aussage sei lediglich ein "analytischer Ausblick" gewesen, zitiert RND. "Wenn die Werbeerlöse langfristig über die klassischen Wege einbrechen, stünde dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein Ausgleich zu." DWDL hat vor einer Woche von einer ARD-Veranstaltung berichtet, bei der Krupp Werbekundinnen aufgerufen hatte, sich für Werbung in Audio- und Mediathek einzusetzen. Laut DWDL rüttelt er damit an einem "medienpolitischen Tabu".
rnd.de, turi2.de (Background)

Meinung: “The Guardian” vergleicht Facebook mit Waffen-, Alkohol- und Tabakindustrie.

Uneinsichtiger Riese: Facebook ist ähnlich gefährlich und unnachgiebig wie die Tabak-, Waffen- und Alkoholindustrie, schreibt Jonathan Freedland im "Guardian". Die Politik solle Einblick in die Algorithmen von Facebook fordern, um "zu enthüllen, was das Unternehmen bereits über sich selbst weiß": dass es davon lebt, "Wut zu schüren und zu nähren".
theguardian.com

Meinung: In Agenturen herrscht Scheuklappendenken.

Eingeschränkte Sicht: LVM-Pressesprecherin Heike Hano attestiert Werbeagenturen ein Führungsproblem. Im Alltagsstress bleibe oft keine Zeit, ums sich mit Zukunftsfragen zu beschäftigen. Dadurch entstehe ein fatales Scheuklappendenken. An der Kündigungswelle in Agenturen seien aber auch die Kundinnen schuld. Wer guten Service wolle, müsse auch anständig bezahlen und Absprachen einhalten.
meedia.de

Debatte: ZDF-Format “Das Zockerhaus” bedient schwulenfeindliche Klischees.

Kein Fairplay: Journalistin Clara Meyer sieht "schwulenfeindliche Entgleisungen" bei dem ZDF-Format "Das Zockerhaus". In der Gaming-Show, die in dem Jugendprogramm ZDFtivi läuft, müssen Jungen sich als Strafe die Nägel lackieren oder Kleider tragen. Die Show-Teilnehmer, Frauen und Homosexuelle würden durch die Bestrafungen herabgesetzt, kritisiert der Verein klische*esc.
sueddeutsche.de via bildblog.de

Debatte: Nur divers besetzte Agenturen kommen bei Entscheiderinnen gut an.

Männerbuden ade: Werbe- und PR-Agenturen müssen zwangsweise diverser werden, um erfolgreich bei Kundinnen zu sein, schreiben MSL-Deutschlandchef Wigan Salazar und seine Kollegin Birgit Söllner im "PR Magazin." Entscheiderinnen werden keine "All-Male-Pitch-Teams und nicht-diverse Kundenteams tolerieren". Bunt gemischte Teams, in denen nicht "alle gleich ticken", sind anstrengender zu organisieren, aber auch deutlich kreativer.
PR-Magazin Nr. 10, S. 44

Meinung: Viele deutsche Medien gehen mit Armin Laschet zu hart ins Gericht.

Medial chancenlos: Die Bericht­erstattung über Armin Laschet mit Schlag­zeilen wie "Ist gut jetzt" stellt "eine neue Eskalations­stufe" dar, schreibt Marc Felix Serrao in der "NZZ". "Die politischen Kommentatoren geben ihm kaum noch eine Chance", obwohl seine Jamaica-Koalition eine Mehrheit der Sitze erreichen würde. Serrao fragt auch, ob das Wort "entsorgen", das der "Spiegel" in diesem Zusammenhang benutzt, bei einem Politiker mit Migrations­hintergrund ebenso benutzt werden würde.
nzz.ch

Debatte: Oliver Maassen kritisiert opportunistisches Haltungsmarketing.

Fähnchen im Wind: Unternehmen zeigen vor allem dann Haltung, wenn ihnen öffentlicher Zuspruch gewiss ist, schreibt Oliver Maassen, Personal-Geschäfts­führer des Maschinenbauers Trumpf im "Handelsblatt". Haltung dürfe nicht zum reinen "Haltungs-Marketing" im Kampf um die besten Fachkräfte werden. Er beobachtet, dass es vielen Unternehmen darum geht, die "eigene Kompatibilität mit gesellschaftlichen Trends nachzuweisen".
handelsblatt.com (Paid)

Debatte: Ist Twitter als Wahlkampf-Arena überschätzt?

Twitter-Blase: In der "Welt am Sonntag" debattieren Ulf Poschardt und Welt-Autorin Franziska Zimmerer über die Bedeutung von Twitter im Wahlkampf. Zimmerer hält Twitters Rolle als Wahlkampf-Arena für überschätzt. "Twitter ist kein Ort für Wahlkampf. Denn den Wahl­kämpfern dort hört keiner zu", ist sie überzeugt. Die Plattform sei ein Biotop für "Politiker, Aktivisten, Journalisten und andere Masochisten". Poschardt verteidigt Twitter hingegen als einen Ort, an dem Medien­schaffende u.a. "Instant-Feldforschung gesellschaftlicher Schwingungen" betreiben könnten. Der Kurznachrichtendienst biete zudem – insofern man sich nicht zu ernst nehme – die "Chance auf Humor".
edition.welt.de (Paid)

Debatte: ZDF-Intendant Thomas Bellut ist unzufrieden mit der Triell-Moderation.

Nachwehen: Das öffentlich-rechtliche Moderations-Duo Maybrit Illner und Oliver Köhr hat beim TV-Triell Mitte September "suboptimal" agiert, sagt ZDF-Intendant Thomas Bellut. In der Sitzung des ZDF-Fernsehrats in Mainz wird er am Freitag mit dem Vorwurf konfrontiert, die Privat­sender haben die Diskussions­runden besser geleitet als ARD und ZDF – das sei "peinlich".
rnd.de, turi.de (Background)

Meinung: Medien sollten das Wort “Wende” nicht bedenkenlos nutzen.

Sprach-Wende: Zum Tag der Deutschen Einheit nutzen Medien wieder vermehrt den Begriff "Wende". Das ist problematisch, sagt Kirchenhistorikerin Katharina Kunter bei "Chrismon". Das Wort verharmlose das Ausmaß des damaligen Umbruchs. Außerdem sei der Begriff ideologisch eingefärbt. "Transformation", "Friedliche Revolution" oder "Systemwechsel" seien besser geeignet.
chrismon.evangelisch.de (20-Min-Audio)

Zitat: Carolin Kebekus ärgert sich über Ein-Frau-Kultur.

"In sehr vielen Bereichen kommt in einer definierten Gruppe von Menschen oft nur eine einzige Frau vor. So als würde es reichen, eine von uns zu Wort kommen zu lassen, weil ja gefühlt sowieso alle gleich sind. Ob in Chefetagen, Talkshows, Märchen, Kinderbüchern, Filmen, Serien, im Karneval oder im Christentum. Überall gibt es nur eine Frau."

Komikerin Carolin Kebekus macht im "stern"-Interview ihrem Ärger Luft, dass für Frauen vielfach nur ein Platz vorgesehen ist, Prinzessinnen im Märchen immer "scheintot oder blöd" sind und TV-Verantwortliche Quiz-Shows nur Männern zutrauen.
"stern" 40/2021, S. 40 - 44 (Paid)

Debatte: Den Erfolg hat Olaf Scholz auch seiner Werbekampagne zu verdanken.

Werbung wirkt: Der Marketing-Experte Raphael Brinkert hat Olaf Scholz im Wahlkampf das kanzlertaugliche Image verliehen, schreibt Kristina Läsker in der "Zeit". Brinkert inszeniert Scholz "als Erben von Kanzlerin Angela Merkel" und betreibt "klassisches Konzern-Marketing, nur diesmal eben für eine Partei". Der Wahlerfolg sei nicht allein Verdienst des Agentur-Chefs, aber die Kampagne sei ein "Gamechanger" gewesen.
zeit.de (Paid)

Meinung: Das ZDF braucht Nachhilfe beim Thema Rechtsradikalismus.

Bitte nachsitzen: Einem Sender wie dem ZDF darf es nicht passieren, unerkannt einen Holocaust­leugner zu interviewen, schreibt Andrej Reisin bei Übermedien. Das ist nicht der "Anspruch, den man an seinen Journalismus haben sollte", sagt er. Die "Top 20" der rechts­extremen Szene sollten Redaktionen von "Formaten mit Millionenpublikum" schon erkennen.
uebermedien.de, turi2.de (Background)

Meinung: Medienprofis wie Nemi El-Hassan müssen die Brisanz ihrer Likes erkennen.

Daumen nach unten: Der Fall Nemi El-Hassan (Foto) zeigt die Wirkungsmacht von Likes und Kommentaren in den sozialen Netzwerken, schreibt Christian Meier in der "Welt". Es ist "deprimierend", dass eine Karriere dadurch "unwiderruflich beschädigt wird". Doch ein Medienprofi wie sie müsse sich dessen bewusst sein.
welt.de, turi2.de (Background)

Debatte: Einige öffentlich-rechtliche Inhalte sollten für alle Sender freigegeben werden.

Gib den Stoff frei: Stefan Niggemeier (Foto) findet, ARD und ZDF sollten einige Inhalte wie die Sendungen am Wahl­abend für alle Medien freigeben. Zwar müsse Bild TV für den Urheber­rechts­verstoß am Sonntag belangt werden. Prinzipiell sollte "politisch außer­ordentlich bedeutsames" Material aber unter freier Lizenz stehen, sagt auch Wikimedia-Vorstand Christian Humborg.
uebermedien.de, turi2.de (Background)

Meinung: Die Macher rechter Medien wollen vor allem viel Geld verdienen.

Bezahlter Applaus: Aus Sicht des früheren n-tv-Chefs Hans Demmel sind rechte Medien wie "Tichys Einblick" und "Compact" hauptsächlich von finanziellen Interessen geleitet. "Es gibt eine große Zielgruppe, die bereit dafür ist, Geld dafür auszugeben, dass sie ihre Meinung bestätigt sieht", sagt er im Pioneer-Podcast "Der 8. Tag". Ihm war es „peinlich“, die rechten Blätter für seine Buch-Recherche zu kaufen.
thepioneer.de (27-Min-Audio, Paid), turi2.de (Background)

Meinung: Rundfunkbeitrag soll nicht “auf dem Bild-TV-Schirm landen”.

Bild-Klau: Die Frage, ob sich Bild TV am Wahlabend am Programm von ARD und ZDF hätte bedienen dürfen, ist "freilich nicht nur eine juristische und pekuniäre", es gehe um Gerechtigkeit, meint Joachim Huber. Er wünscht sich von den Öffentlich-Rechtlichen in dieser Sache so viel Energie wie bei der Feststellung der Beitragspflicht von Haushalten und Firmen. "Wer den Rundfunkbeitrag bezahlt und damit die 'Berliner Runde' finanziert, der darf erwarten, dass die sehr wahrscheinlich unrechtmäßige Aneignung von Bildmaterial geahndet wird", schreibt Huber.
tagesspiegel.de

Werbung in klassischen Medien schützt vor Ad Fraud, sagt Thomas Koch.

Mr. Media aka Thomas Koch thematisiert in seiner "Wiwo"-Kolumne, dass Banner und Videos zigfach an Bots statt an echte Menschen ausgespielt werden. Ad Fraud sei in der Werbebranche seit Jahren bekannt, werde aber tabuisiert. Allein in Deutschland verlören Firmen durch den Online-Betrug jährlich Milliarden. Koch empfiehlt, Werbung bei "vertrauenswürdigen" Online-Publishern und in den klassischen Medien zu buchen: "Marketing muss lernen, Verantwortung auch für das Mediabudget zu übernehmen."
wiwo.de

Meinung: Der Wahlkampf bringt die Widerwärtigkeiten von Social Media ans Tageslicht.

Bock auf Empörung: Im Wahl­kampf verging kein Tag, ohne dass kleine Details in den sozialen Medien "genüsslich ausgeschlachtet, in Memes verpackt und inszeniert" wurden, schreibt Tobias Weidemann bei t3n. Inhaltliches rückt durch die "Aufregungs­maschinerie" bei Twitter und Co in den Hintergrund. Politikerinnen sind permanent "Ehrverletzungen und Anfeindungen" ausgesetzt.
t3n.de

Debatte: Medien sind mit Grünen-“Aktivismus” gescheitert, meint Frank Lübberding.

Gegen Grün: Bei der "FAZ" wettert Frank Lübberding gegen die "groteske Zuspitzung des Klima­themas" durch Annalena Baerbock im Wahlkampf – und die Bericht­erstattung darüber. An der "fehlenden Unter­stützung in vielen klassischen Medien für die Kandidatin" könne das gegenüber SPD und CDU schlechtere Abschneiden der Grünen nicht gelegen haben. Der Einfluss auf die Meinungs­bildung der Medien sei "ab heute als zu vernach­lässigende Größe zu betrachten". Jetzt sei wieder Zeit für "Journalismus statt Aktivismus".
faz.net