Hör-Tipp: RBB-Chefredakteur Singelstein verteidigt das umstrittene AfD-Interview.

Hör-Tipp: RBB-Chefredakteur Christoph Singelstein verteidigt im Medienpodcast von Radio Eins das umstrittene RBB-Sommerinterview mit AfD-Politiker Andreas Kalbitz (Foto), der vom Verfassungsschutz beobachtet wird. "Ich halte es für unseren Auftrag, mit allen politischen Kräften zu sprechen", sagt Singelstein - "Die Grenzen setzen Gerichte."
ardaudiothek.de (85-Min-Audio)

Zitat: Vorhandenes Wissen hätte in Kalbitz-Interview einfließen müssen, sagt RBB-Chefredakteur Singelnstein.

"Wir haben viel über Andreas Kalbitz und Rechtsextremismus recherchiert. Von diesem redaktionellen Wissen ist nicht genug eingeflossen."

RBB-Chefredakteur Christoph Singelnstein räumt bei "Brandenburg aktuell" Fehler beim umstrittenen Sommerinterview mit AfD-Mann Andreas Kalbitz ein, verteidigt aber die grundsätzliche Entscheidung, ihn einzuladen.
rbb24.de via dwdl.de

Meinung: Kulturschaffende entdecken Rassismus in alten Werken.

Neu bewertet: Mehr und mehr Kulturschaffende unterziehen ihre Werke vergangener Jahre einer Rassismus-Revision, schreibt Adrian Daub. Die Comedy 30 Rock etwa lässt vier alte Folgen aus dem Programm nehmen, in denen weiße Schauspieler*innen ihr Gesicht schwarz angemalt haben. Überraschend sei weniger die Kritik daran, "sondern eher, was jahrzehntelang nicht kritisiert wurde".
zeit.de

Zitat: Facebooks Chef-Lobbyist sieht keinen Anreiz, Hass-Posts nicht zu löschen.

"Facebook profitiert nicht von Hassrede. Es gibt für uns keinen Anreiz, etwas anderes zu tun, als solche Inhalte zu entfernen."

Facebooks Chef-Lobbyist Nick Clegg versucht in einem Gastbeitrag in der "FAZ", das Image seines Arbeitgebers zu retten. Immer mehr Konzerne streichen Facebook aus Protest gegen Hass-Posts die Anzeigen.
"FAZ", S. 26 (Paid)

Anna Wintour entschuldigt sich, Schwarzen keinen Platz eingeräumt zu haben.

Vogue hat nicht genug getan, um schwarze Mitarbeiter*innen und Designer*innen zu fördern und mitunter "verletzende und intolerante" Geschichten und Fotos veröffentlicht, schreibt Chefredakteurin Anna Wintour in einem internen Memo. Sie wisse, dass es nicht reicht "zu sagen dass wir es besser machen werden" und bittet um "Feedback und Rat". 1974 war mit Beverly Johnson ein schwarzes Model auf dem Cover, aber erst 2018 fotografierte ein schwarzer Fotograf, Tyler Mitchell, ein Cover-Foto.
theguardian.com

James Bennet tritt als Meinungsredakteur der “New York Times” zurück.

New York Times: James Bennet, bisher Meinungsredakteur und verantwortlich für die Op-Ed-Seite der Zeitung, tritt zurück. Herausgeber A. G. Sulzberger schreibt, nach der Kontroverse um den Gastbeitrag des republikanischen Senators und Hardliners Tom Cotton seien er und Bennet sich einig, "dass es ein neues Team braucht, um die Abteilung durch eine Zeit beträchtlicher Veränderungen zu führen". Leser*innen und Mitarbeiter*innen protestieren heftig gegen den Artikel.
nytimes.com, thehill.com, turi2.de (Background)

Meinung: Fachzeitschriften gefährden mit unausgereiften Artikeln Menschenleben.

Fachzeitschriften veröffentlichen unausgereifte Artikel zu Covid-19 und agieren in der Krise hektisch und verantwortungslos, kritisiert Werner Bartens. Mit Begutachtung, Gegen-Check und Überarbeitung vergehen sonst Monate, bis eine Studie publiziert wird. Aktuell stehen Fachzeitschriften aber in Konkurrenz zu Preprint-Servern, die Rohfassungen von Studien veröffentlichen. Falsche Ergebnisse "werfen die Forschung zurück, begünstigen politische Fehlentscheidungen, gefährden Menschen", so Bartens.
"Süddeutsche Zeitung", S. 12 (Paid)

Meinung: Deutsche Redaktionen berichten realitätsfern über Rassismus.

Journalismus: Jeder 5. Einwohner Deutschlands hat Migrationshintergrund, aber nur jeder 50. Journalist – deshalb schreiben Redaktionen oft "realitätsfern" über Rassismus und sind betriebsblind dafür, meint Dunja Ramadan. Sie kritisiert, dass hierzulande kopfschüttelnd über die USA berichtet werde, statt auch über Rassismus in Deutschland zu schreiben. Menschen mit Rassismus-Erfahrungen kämen eher als Betroffene statt als Expert*innen zu Wort.
sueddeutsche.de

Richter müssen bei Unterlassungserklärungen beide Seiten anhören.

Eilig, aber fair: Bei Eilverfahren, bei denen Kläger Unterlassungserklärungen gegen Medien durchsetzen wollen, muss "der Grundsatz der Waffengleichheit" gelten, das entsprechende Medium also Gelegenheit zur Verteidigung haben, beschließt das Bundesverfassungsgericht. Im konkreten Fall stritten die Deutsche Polizeigewerkschaft und die Gewerkschaft der Polizei.
sueddeutsche.de (Paid), bundesverfassungsgericht.de (Beschluss)

Hardliner-Gastbeitrag in der “NYT” bringt Redakteur*innen und Leser*innen auf die Barrikaden.

New York Times ringt um ihr Selbstverständnis: Leser*innen und Mitarbeiter*innen protestieren gegen einen Gastbeitrag des republikanischen Senators und Hardliners Tom Cotton, in dem er fordert, das Militär gegen Randalierer einzusetzen. Der Beitrag erschien auf der Op-Ed-Seite der Zeitung, die vielfältige Meinungen abbilden soll, die nicht von der Redaktion stammen. Mitarbeiter*innen dürfen eigentlich nicht öffentlich Partei für oder gegen "NYT"-Artikel ergreifen. Die Zeitung erklärt die Veröffentlichung mit einem "überhasteten redaktionellen Prozess".
sueddeutsche.de, tagesspiegel.de

Mathias Döpfner nimmt Julian Reichelt im Podcast ins Gebet und nennt Ein-Stunden-Frist für Drosten einen “dummen Fehler”.


Im Verhör: Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner knöpft sich in Springers Inside.Pod-Podcast "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt (Foto) vor. Die Ein-Stunden-Frist für Virologe Christian Drosten zur Beantwortung von Fragen nennt Döpfner einen "dummen Fehler". Reichelt räumt ein, "Bild" habe sich dadurch "angreifbar" gemacht, glaubt aber: "Die Fragen hätte Drosten in der Zeit, in der er getwittert hat, beantworten können." Vom "Unantastbarkeitsprinzip" gegenüber "Heilsbringern" hält Reichelt nichts und wünscht sich, "dass die Menschen mit mir so energisch und aggressiv diskutieren wie ich auch diskutiere".

Sein "exzessives Twittern" habe er vor zweieinhalb Jahren aufgegeben und sieht es im Nachhinein als Fehler, sich in jede Debatte zu stürzen: "In einer Blase zu argumentieren, ist vollkommen hoffnungslos. Man geht immer als Verlierer heraus." "Bild" überlege gar, ihre Aktivitäten in sozialen Netzwerken einzuschränken, sagt Reichelt: "Wir füllen die Kassen von amerikanischen Plattformen dadurch, dass wir uns gegenseitig zerfleischen und schaden. Twitter lebt davon, dass Menschen sich gegenseitig schaden."

Auch mit "Bild" will Reichelt nicht "Ärgermacher aus Prinzip" sein: "Wir sollten 'Bild' nicht instrumentalisieren, um unsere eigenen Ansichten zu befeuern. Schon gar nicht sollten wir 'Bild' nutzen, um uns über andere Menschen zu erheben." (Foto: picture alliance/Norbert Schmidt)
soundcloud.com (53-Min-Audio)



Weitere Zitate aus dem Podcast:

Julian Reichelt über Wissenschaftler, die sich von der "Bild"-Berichterstattung distanzieren:
"Wissenschaft kann sich nicht aussuchen, wo sie abgebildet wird."

... über "Duelle":
"Ich möchte keine Duelle. Ich weiß, wozu Duelle führen und wie Menschen nach einem Duell aussehen. Und ich bin froh, dass es sowas bei uns nicht gibt."

... über den Unterschied von Wahrheit und Fakten:
"Ich glaube nicht an Wahrheit, aber an die bestmögliche Version der Fakten, die wir vor Deadline recherchieren können."

... über seinen Ruf, einen militärischen Führungsstil zu pflegen:
"Nichts schafft eine größere Abneigung zum Militärischen und zum Krieg als zehn Jahre im Krieg verbracht zu haben. Ich mag keine Waffen, ich finde Waffen nicht faszinierend."

"Wenn der Führungsstil militärisch wäre, gäbe es deutlich weniger Debatten bei uns."

... über Diskussionen in Blasen:
"Wir leben in einer Zeit, in der Öffentlichkeit aus verschiedenen Blasen besteht, die nahezu keine Überschneidungspunkte mehr haben."

... über "Bild" als Ventil:
"'Bild' gibt Menschen, die radikalismusgefährdet sind, eine Stimme, bevor sie sich radikalisieren."

... über Twitter-Krawall:
"Twitter als Krone der Social-Media-Niedertracht lebt davon, dass Menschen aufeinander losgehen, sich gegenseitig schaden und sich selbst schaden. Sich durch eine dumme Äußerung selber vernichten, ist das, was auf Twitter am besten funktioniert."

"Es kann nicht sein, dass wir diejenigen, die das Konzept Free Media am meisten untergraben, nämlich Social Media, dass wir denen die Kassen mit unserem Streit füllen. Das ist inzwischen meine Überzeugung."

... über "Bild"-Kritiker:
"Die wissenschaftliche Disziplin 'Bild -Kritik' besteht in allererster Linie daraus, 'Bild' nicht zu lesen. Das ist die einzige wissenschaftliche Disziplin der Welt, in der man sich ausdrücklich und stolz nicht mit dem Forschungsobjekt beschäftigt, sondern zu seinen Einschätzungen kommt, ohne sich damit zu beschäftigen."

Mathias Döpfer über "Bild"-Kritiker:
"Ich freue mich über jeden, der 'Bild' kritisiert. Das ist gut und wichtig. Aber eines ist Voraussetzung: Ich muss es schon lesen. Wass ich immer häufiger höre ist: 'Ich kann es nicht mehr lesen, ich lese es nicht mehr, aber ich weiß trotzdem, was drinsteht.' Das ist einfach nicht mehr akzeptabel: Haut drauf, aber bitte nach Lektüre."

... über das Rezo-Video zur "Zerstörung der Presse".
"Da sollte man ganz gelassen reagieren. Nicht alles, was uns nicht gefällt, ist deswegen kein Journalismus. Natürlich ist das hervorragender Journalismus, auch wenn er in der These und der Beweisführung meines Erachtens sehr brüchig ist."

Meinung: Medien stecken bei Rezos Kritik in einem Dilemma, findet Daniel Bouhs.

Rezo-Video ist "ein Stück Medienkompetenz, wie sie in dieser Zeit mehr denn je nottut", kommentiert Daniel Bouhs beim RBB. Seriöse Medien steckten "in einem Dilemma", da sie Exklusivmeldungen aus Politik oder Wirtschaft, die auch von Boulevardtiteln wie der "Bild" stammen, ihrem Publikum nicht verschweigen könnten. Auch die Klatschpresse werde ihr Vorgehen angesichts der Auflagen wohl nicht ändern.
rbb24.de, turi2.de (Background)

Renner: Friede Springer soll sich beim Vorstand über Julian Reichelt beschwert haben.

Unfriede: Die nicht gerade diplomatische Art von "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt stößt bei Verlegerin Friede Springer offenbar übel auf. Sie habe sich vor ein paar Wochen beim Springer-Vorstand "sehr emotional" über Reichelts "aggressiven Kampagnen­journalismus" beschwert, hört Kai-Hinrich Renner von mehreren, voneinander unabhängigen Quellen im Verlag. Ein Sprecher will den Vorfall nicht kommentieren, betont aber das "Chefredakteursprinzip" und die "offene Streitkultur" im Haus, bei der die Redaktionen "nicht versuchen zu schreiben, was Vorstand und Eigentümer für richtig halten".
berliner-zeitung.de

Zitat: Thomas Knüwer findet Steingarts Morning Briefing “schlicht unerträglich”.

"Das Ausmaß an Verdrehungen, Fehlern und Unhöflichkeiten, die Steingart produziert, ist für mich schlicht unerträglich."

Journalist und Digitalberater Thomas Knüwer wollte sechs Monate das Morning Briefing von Gabor Steingart auf Unstimmigkeiten prüfen, nach vier Monaten musste Knüwer zum Schutz seiner - so schreibt er - "persönlichen Psychohygiene" aufgeben.
indiskretionehrensache.de

Virologe Christian Drosten ist für Gespräch mit “Bild” bereit, Julian Reichelt sagt zu.

Gesprächsbereit: Virologe Christian Drosten macht "Bild" im Streit um die Interpretation seiner Studie ein Gesprächsangebot. Im "FAZ"-Podcast sagt Drosten: "Ich würde durchaus soweit gehen, auch der 'Bild'-Zeiitung anzubieten, mal drüber zu reden." "Bild"-Chef Julian Reichelt reagiert bei Twitter, er sei "zu jeder Zeit und an jedem Ort bereit". Dabei sieht Reichelt die "FAZ" als Vermittler und regt ein Dreier-Gespräch an mit ihm, Drosten und Andreas Krobok, Moderator des "FAZ"-Podcasts. Das Gespräch könnte dann bei Bild.de und Faz.net laufen.
kress.de, faz.net (Paid), faz.net (Podcast, ab 18.00 Min), twitter.com (Reaktion Reichelt)

Britische Statistiker distanzieren sich von “Bild”-Berichten über Drosten-Kritik.

Bild vs. Drosten: Die beiden britischen Statistik-Professoren David Spiegelhalter und Kevin McConway, die "Bild" als Kronzeugen für Kritik an der Studie von Virologe Christian Drosten (Foto) findet, distanzieren sich von den "Zeitungs-Attacken" auf Drosten und sein Team. Inhaltlich bleiben sie bei ihrer Kritik an der Statistik der Studie.
tagesspiegel.de, twitter.com/c_drosten, turi2.de (Background)

Journalist*innen müssen sich “gegenseitig als Kontrollinstanz hart angehen”, findet Rezo.

Journalismus: Unethisches Verhalten von Journalist*innen "kann nicht als Einzelfallproblem abgetan werden", schreibt Rezo in seiner "Zeit"-Kolumne. Es sei "Teilursache des Grundmisstrauens von großen Teilen der Bevölkerung gegenüber der Presse". Um es abzubauen, sei "moralische Integrität" nötig. Im konkreten Fall – "Bild"-Reporter haben Sidos Haus gefilmt, was der sich verbat – stört Rezo, dass Journalist*innen sich nicht "auch gegenseitig als Kontrollinstanz immer wieder hart angehen".
zeit.de

“New York Times” wirft Weinstein-Enthüller Ungenauigkeit vor.

USA: Die "New York Times" wirft dem "New Yorker"-Journalisten Ronan Farrow vor, im Fall Harvey Weinstein lückenhaft recherchiert zu haben. Farrows Recherchen über die Missbrauchs­vorwürfe haben den Hollywood-Produzenten maßgeblich zum Fall gebracht. Der Medienjournalist Ben Smith beanstandet, Farrow habe Ungenauigkeiten in vage Darstellungen verpackt, ohne Belege zu liefern. Er habe über Macht und ihren Missbrauch das erzählt, was die Leser glauben wollten. Farrow und der "New Yorker" widersprechen den Vorwürfen.
spiegel.de, nytimes.com

Zitat: Verschwörungsanfällige erreicht man nicht mit Wissenschafts-TV.

"Wer mit der Kita-Schließung nicht einverstanden ist, guckt keine 'Quarks'-Sendung, um sich den R-Wert erklären zu lassen."

Franziska Schubert, 38, Fraktionschefin der Grünen im sächsischen Landtag, erklärt in der "Zeit", warum sie sich bei Corona-Demonstrationen mit dem Schild "Gesprächsbereit" in die Menge stellt: um "mit denen, die noch nicht komplett verloren sind in Verschwörungsideen", zu reden.
"Zeit" 21/2020, S. 8 (Paid)

Verleger kritisieren die Einstellung des NDR-“Bücherjournals”.

NDR bekommt für die Ankündigung, als Sparmaßnahme das "Bücherjournal" zu streichen, den Unmut von Verlegern zu spüren. Florian Illies von Rowohlt hält es für "naiv zu glauben, man könne ausgerechnet bei der Kultur unbemerkt und schadensfrei" sparen. Thomas Rathnow, CEO der Verlagsgruppe Random House, kritisiert, Kultursendungen seien sicher nicht teuer und das NDR-Programm habe schon aktuell "kein Übermaß an kulturellen Sendungen". Das NDR-"Bücherjournal", gestartet 1965, ist eine der ältesten deutschen Literatursendungen.
spiegel.de, turi2.de (Background)

Zitat: Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen warnt vor mangelnder Quellenkenntnis.

"Es wird im Moment eine gewaltige Medien-Bildungslücke in der Gesellschaft offensichtlich."

Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen sagt im Deutschlandfunk, dass eine Minderheit der Bürger aktuell zum Teil aus ehrenwerten Motiven und mangelnder Quellenkenntnis viele Desinformationen verbreitet.
dradio.de (13-Min-Audio), deutschlandfunk.de

Meinung: Journalist*innen sollten bei Corona-Protesten nicht pauschalisieren.

Corona-Proteste: Viele Journalist*innen machen gerade den gleichen Fehler wie bei Pegida, kommentiert Ben Krischke. Sie würden zu viel über "Spinner" berichten und zu wenig über "Normalos". Dadurch würden sie die Protestbewegung nur größer machen. Die Demonstrationen könnten vor allem dann von Rechtspopulist*innen und Verschwörungstheoretiker*innen eingenommen werden, wenn Medien pauschalisieren.
meedia.de

Zitat: Mai Thi Nguyen-Kim mag keine Vergleiche mit der “Sendung mit der Maus”.

"Es ist ein Missverständnis, Wissenschaftsjournalismus darauf zu reduzieren, schwierige Sachverhalte einfach darzustellen. Es geht auch darum, Aussagen von Wissenschaftlern einzuordnen."

Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim mag es nicht, wenn ihre Arbeit mit der "Sendung mit der Maus" verglichen wird, sagt sie im "Spiegel".
"Spiegel" 19/2020, S. 81 (Vorabmeldung, Paid)

DFL-Chef Christian Seifert sieht Protz-Fußballer kritisch.

Bundesliga hat mit astronomischen Spieler­gehältern und Ablösesummen sowie "schamlos zur Schau gestelltem Reichtum" ein Bild von sich erzeugt, "das ein Teil der Menschen nicht akzeptieren kann", sagt DFL-Chef Christian Seifert im "FAZ"-Interview. Er selbst habe "genügend Dinge gesehen, erlebt und gehört, die mich nicht unbedingt begeistern". Sponsoren könnten ihre Mio-Zahlungen an Spieler "auch an soziale Verhaltensregeln knüpfen", regt Seifert an. Die Deckelung von Spieler- und Beratergehältern sieht er als europäische Aufgabe.
faz.net (Paid), kicker.de (Zusammenfassung)

Meinung: Otto-Kommunikator Thomas Voigt findet “manager magazin”-Bericht “unappetitlich”.

Wirstchaftsjournalismus: Thomas Voigt, Kommunikationschef der Otto-Group, findet den jüngsten Beitrag des "manager magazins" über Otto "unappetitlich". Die reißerisch angekündigte Geschichte über Lieferprobleme, verschleppte Sanierung und die Trennung von Tochterfirmen enthalte außer "einer Menge wolkiger Gerüchte" nichts Neues, "dafür in Summe viel Falsches". An Wirtschafts­journalisten appelliert Voigt, ihre Haltung und Erzählweisen zu prüfen.
ottogroupunterwegs.com, manager-magazin.de (kritisierter Artikel, Paid)

Meinung: Gabor Steingart vermisst in den Medien eine zweite Meinung zu Eurobonds.

Journalistischer Herdentrieb: Gabor Steingart kritisiert in seinem Morning Briefing, dass es zu Eurobonds in den Medien "keine zwei Meinungen mehr" gebe. Den "lieben Kollegen" attestiert er einen "geistigen Lockdown" und vermutet, der Journalismus habe sich selbst "ein Kontaktverbot mit dem Gegenargument verordnet". Der Zweifel stehe unter Quarantäne. "FAZ" und "Handelsblatt" hat Steingart wohl nicht gelesen.
gaborsteingart.com (frei nach Anmeldung), twitter.com (Reaktion)

Werner D’Inka schimpft über “lächerliche Kritik” an Corona-Berichterstattung.

Kritik an der Medienkritik: Ex-"FAZ"-Herausgeber Werner D'Inka findet die Kritik an der Corona-Berichterstattung "lächerlich", die Rügenden würden sich nicht genug mit dem Medienangebot beschäftigen. Die "thematische Monokultur" entspreche "dem Aufmerksamkeitsmuster des Publikums". Dass inzwischen nahezu jede*r Drostens Gesicht kennt und oft die gleichen Expert*innen zu Wort kommen, liege daran, dass manche "mehr zu sagen haben als andere".
"FAZ", S. 14 (Paid)

Basta: Falscher Farbtopf.

Kritzel-Krise: Die Kindersendung "Wow" von Radio Wien, einem ORF-Regionalsender, läuft zu Corona-Zeiten täglich und gibt stets eine Hausaufgabe – die Malvorgabe "Porträt des Bundeskanzlers Kurz", bestenfalls mit österreichischer Fahne, entfernt sich nach Geschmack vieler Eltern allerdings doch etwas weit von freier Kunst. Die Redaktion hat sich die Aktion rosiger ausgemalt und kurz-erhand beendet – ist doch keine Kunst, kann weg.
derstandard.at

Lese-Tipp: Marc Brost und Bernhard Pörksen kritisieren Corona-Journalismus.

Lese-Tipp: Marc Brost, Politikchef der "Zeit" und Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen (Foto) bescheinigen Journalist*innen in der Corona-Krise "einen Zwang zum Bescheidwissen, der am Ende nur eigene Vorurteile reproduziert". Die Krise sei schwer zu begreifen und sehr emotional, auch Recherche sei unter den Gegebenheiten schwierig. Es brauche nun "das Kunststück der Paradoxiebewältigung": erklären und einordnen, was sich noch schwer erklären und einordnen lässt.
zeit.de

Meinung: Die Landesmedienanstalten müssen reformiert werden.

Landesmedienanstalten sind zu teuer, veraltet und intransparent, schreibt Helmut Hartung in der "FAZ". Die Aufsicht des Privatrundfunks müsse reformiert werden. Von den 18,36 Euro an monatlichen Rundfunkgebühren erhalten sie 35 Cent. Doch es fehle an einer Überwachung der Mittelverwendung. Die Rechtfertigung für die Finanzierung durch den Rundfunkbeitrag liege in der Sicherung einer staatsfreien Medienaufsicht.
"FAZ", S. 16 (Paid)

Zahl des Tages: Beschwerden beim Werberat verdreifachen sich 2019.

Zahl des Tages: Mit 3.636 beim Werberat eingereichten Beschwerden hat sich die Zahl 2019 im Vergleich zu 2018 fast verdreifacht. Allein 750 Beschwerden gingen zu einem Edeka-Spot zum Muttertag ein, der eine von insgesamt 13 Rügen kassiert. Insgesamt hat das Gremium 793 Fälle genauer geprüft. Der deutlich überwiegende Teil betrifft geschlechter­diskriminierende Werbung.
horizont.net, meedia.de

Presserat erteilt 2019 mehr Rügen, die meisten Beschwerden betreffen Regionalzeitungen.

Deutscher Presserat hat 2019 insgesamt 2.175 Beschwerden erhalten, 137 mehr als 2018. Rund ein Drittel davon bezieht sich auf Berichte in Lokal- und Regionalzeitungen. Mit 34 Rügen erteilte das Gremium sechs mehr als im Vorjahr, die meisten wegen mangelnder Trennung von redaktionellen und werblichen Inhalten, gefolgt von der Verletzung von Persönlichkeitsrechten.
rnd.de, presserat.de (Details)

Virologe Christian Drosten wirft stern.de eine Verkürzung seiner Aussagen vor.

Viraler Wortlaut: Christian Drosten, Leiter der Virologie in der Berliner Charité, wirft stern.de eine "Zuspitzung und Selbstverkürzung" seiner Aussagen vor. "Ich bin schockiert", twittert Drosten verärgert. stern.de schrieb zuvor, dass es "keine vollen Fußballstadien in den nächsten zwölf Monaten" geben werde. Dies entspricht laut dem Virologen "nicht dem Zusammenhang des Interviews". "stern" kontert bei Twitter, die Zitate sind autorisiert.

"stern" antwortet Drosten, dass die Redaktion "aus einer autorisierten Aussage" eine Nachricht gemacht habe und verweist auf das ganze Interview (Paid). Auf die Frage nach der Rückkehr zur "Normalität" im öffentlichen Raum nach der Corona-Krise nennt Drosten kein Datum, antwortet aber im zuvor veröffentlichten Interview im Wortlaut: "Das wird es bis nächstes Jahr um diese Zeit nicht geben".
twitter.com

Meinung: Sind Corona-News hinter der Paywall legitim?

Corona-Paywall: Medien sollten in der Krise "keine Dealer" sein, kritisiert Tobias Singer, dass Online-Medien essentielle Informationen teils nur gegen Bezahlung anbieten. Es laufe etwas schief, wenn Medien mit der Krise Geld verdienten. Thomas Borgböhmer argumentiert, auch andere Branchen geben ihre Waren in Krisenzeiten nicht plötzlich kostenlos her. Grundlegende Info seien frei zugänglich, auch dank der Öffentlich-rechtlichen, typische Bezahl-Artikel gingen meist über das Newsgeschehen hinaus.
meedia.de

Zitat: Jugendschutz im Netz muss strenger werden, sagt Tobias Schmid.

"Bei Fernsehsendern kontrollieren wir jede Ausspielung darauf, dass die Musik nicht zu gruselig ist, gleichzeitig kann jeder Zwölfjährige jederzeit von Kikaninchen auf Pornhub wechseln."

Tobias Schmid, Direktor der LfM NRW, sagt der "taz", seine Behörde gehe gegen Pornhub und drei weitere Porno-Plattformen vor, damit sie ihre Inhalte für Minderjährige unzugänglich machen.
taz.de

Funk-Sprecher verteidigt Corona-Satire gegenüber “Bild”.

ARD: Ein Funk-Sprecher sagt gegenüber "Bild", man stehe hinter dem online stark kritisierten Beitrag des "Bohemian Browser Ballett", in dem Schlecky Silberstein Corona als "faires Virus" bezeichnet, weil es "die Alten dahinrafft, die diesen Planeten in den letzten fünfzig Jahren voll gegen die Wand gefahren" haben. Das Video sei als "satirische Einordnung des Virus als vermeintlicher Schutzreflex des Planeten" gemeint gewesen.
bild.de

Nutzer leiden an “Überdosis Weltgeschehen”, schreibt Bernhard Pörksen.

Corona-Krise ist das "Ergebnis einer globalisierten medialisierten Welt", schreibt Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Die Menschen litten "an einer Überdosis Weltgeschehen" und müssten dringend lernen, Informationen über die Pandemie richtig zu verarbeiten. Journalisten sollten Infos "strikt relevanzbezogen" auswählen, statt Nonsens-News herauszublasen.
zeit.de

“Schreiben, was ist” – “Focus”-Chefkorrespondent Daniel Goffart über den medialen Umgang mit Corona.


Am Rande der Krise: "Focus"-Chefkorrespondent Daniel Goffart attestiert den Medien, "von einigen Ausschlägen mal abgesehen", einen verantwortungsvollen Umgang mit der Corona-Krise. Im Video-Interview von "Horizont" und turi2.tv am Rande des Focus Inner Circle in Düsseldorf sagt Goffart, er habe nicht den Eindruck, "dass wir in erster Linie eine Sensations-Berichterstattung sehen". Vielmehr verhielten sich die meisten Medien nach dem Reporter-Motto: "Schreiben und berichten, was ist." Eine Verunsicherung beobachtet Goffart bei mittelständischen Unternehmen, um die es bei dem Event in Düsseldorf ging, an dem auch NRW-Ministerpräsident Armin Laschet teilnahm.

So seien hiesige Unternehmen von der Abriegelung Italiens und den Produktionsschwierigkeiten in China betroffen, weil Vorprodukte von Zulieferern fehlen. "Dass das eine Verunsicherung nach sich zieht, ist nun nicht verwunderlich, das ist sogar sehr gut verständlich." Gleichzeitig schätzt er, dass Deutschland für die Krise gut gerüstet ist. Die Maßnahmen der Gesundheitsämter und des Robert-Koch-Instituts klängen "nach einem großen und erprobten Plan".
turi2.tv (4-Min-Video auf YouTube)

“Etwas vergleichsweise Harmloses” – Richard David Precht über die Corona-Panik.


Corona vs. Klima: Die Angst vor dem Corona-Virus schafft das, was der drohende Klimawandel nicht schafft, analysiert Richard David Precht im Video-Interview von "Horizont" und turi2.tv. Plötzlich könne der Staat eingreifen, verbieten und klare Grenzen setzen – Maßnahmen, zu denen sich die Gesellschaft angesichts des deutlich bedrohlicheren Klimawandels nicht hinreißen lässt. "Das weckt den Sinn für das Nachdenken", sagt Precht am Rande des Focus Inner Circle in Düsseldorf und kommt zu dem Schluss, "dass die Leute mehr Angst um ihr Leben haben als um das Überleben der Menschheit". Der Philosoph und Publizist befürchtet, "dass in der Generation unserer Kinder und Enkelkinder beides zusammenfällt" und die Kosten der Klimarettung steigen, je länger die Politik die Gegenmaßnahmen aufschiebt.

Im Umgang mit dem Corona-Virus stellt Precht Medien und Politik aber gute Noten aus: Die Maßnahmen des Gesundheitsministers findet er richtig und "die Medien, die ich gebrauche", bemühten sich, keinen "Katastrophismus auszulösen, sondern sachlich zu informieren". Precht selbst sagt, dass er "völlig unbefangen" auf Veranstaltungen wie den Focus Inner Circle geht, da er nicht zur Risikogruppe gehört, versteht aber die Politik, die von den schwächsten Gliedern der Gesellschaft ausgehen müsse.
turi2.tv (4-Min-Video auf YouTube)

Meinung: Medien sollten beim Corona-Virus über Fakten berichten.

Medien fehlt es bei der Berichterstattung über das neuartige Corona-Virus an "Besonnenheit", sagt der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar im Podcast "Fragen wir doch" von RTL Radio Deutschland und 105'5 Spreeradio. Die Berichte über die Reaktionen der Menschen seien inzwischen größer als Meldungen über neue Erkenntnisse. "Dass wir die Klorolle im Supermarkt stehen lassen, wäre ein erster Ausdruck von Vernunft", sagt Yogeshwar.
presseportal.de, soundcloud.com (Podcast)

Zitat: Carsten Fiedler beobachtet im digitalen Zeitalter mehr Qualitätsbewusstsein.

"Wenn wir ehrlich sind und ich zuspitzen darf, lief Journalismus lange Zeit so, dass wir unsere Inhalte über eine hohe Steinmauer den Lesern zugeworfen haben."

Carsten Fiedler, Chefredakteur des "Kölner Stadt-Anzeigers", sagt im "Journalist"-Interview, dass ohne Leser-Interaktion der Content früher "egal" war, "solange haufenweise Geldsäcke über die Mauer zurückgeworfen wurden".
"Journalist" 3/2020, S. 66-69 (Paid)

“STRG_F”: Joko und Klaas setzen bei Einspielern auf Scripte und Schauspieler*innen.


Verdächtig viral: Viele Einspieler von "Late Night Berlin" mit Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt, die vermeintlich verdeckt und spontan gedreht wurden, sind Auftragsarbeiten mit Schauspieler*innen, recherchiert STRG_F vom NDR. Auch Darstellungen von Ereignissen seien "grob verkürzt oder offenbar gescriptet". Auch beim "Duell um die Welt" gebe es Fakes, etwa eine Szene, in der Schauspieler Edin Hasanovic einen Heißluftballon vermeintlich alleine fliege und lande.

Die zuständige Produktionsfirma Florida TV habe die Vorwürfe "im Kern eingeräumt". Als Erklärung führt sie u.a. an, dass keine Protagonisten in Gefahr geraten sollen, "komödiantische Aspekte" im Vordergrund stünden oder man die Zuschauer nicht habe langweilen wollen. ProSieben äußert sich in einer Stellungnahme ähnlich und argumentiert u.a., nach Drehs mit versteckter Kamera würden "aus produktionstechnischen Gründen häufig entweder mit Einverständnis des Protagonisten oder einem Ersatzprotagonisten sogenannte Schnittbilder nachgedreht". Neben Passanten suche man für Einspielfilme "ab und an ganz offen und öffentlich Teilnehmer", die aber nicht wüssten, "was redaktionell für sie vorbereitet wird".
presseportal.de (STRG_F), presseportal.de (Stellungnahme ProSieben)

Zahl des Tages: Jugendschutz untersucht 100.000 Kommentare auf Antisemitismus.

Zahl des Tages: Rund 100.000 Kommentare und 5.000 Profile bei YouTube, Instagram, Twitter und Facebook hat die Kommission für Jugendmedienschutz für den Bericht Antisemitismus 2.0 untersucht – er sagt, dass Kinder und Jugendliche in sozialen Netzwerken "mit hoher Wahrscheinlichkeit" auf antisemitische Volksverhetzung, Holocaustleugnung und verfassungswidrige Organisationen stoßen.
sueddeutsche.de