Polens Präsident Duda unterstellt Springer Wahlkampf-Einmischung.

Polnischer Abgang der Pressefreiheit: Polens Präsident Andrzej Duda wirft der "Welt" sowie der zu Ringier Axel Springer Polska gehörenden Zeitung "Fakt" die Einmischung in die Präsidentenwahl vor. Der polnische Zeitungsverleger-Verband weist die Kritik als "absurd" zurück. "Welt"-Korrespondent Philipp Fritz wurde zuletzt wegen seiner journalistischen Arbeit von regierungsnahen Medien attackiert - so wie auch kritische polnische Journalist*innen. Journalismus muss "schreiben, was ist – auch wenn es den Mächtigen nicht gefällt", kommentiert "Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt die Einschüchterungsversuche. "Mit Deniz Yücel haben wir erlebt, wie weit Gängelung und Diffamierung von Journalisten durch Regierende gehen kann", schreibt Poschardt.

Deutschland würde sich von der engen polnisch-amerikanischen Zusammenarbeit gestört fühlen, sagt Duda. Dies sei ein Hindernis für die deutsch-russische Zusammenarbeit beim Bau der umstrittenen Ostsee-Pipeline Nord Stream 2. "Die aktuelle Warschauer Regierung hat nicht nur das polnische Justizsystem auf schwer hinnehmbare Art und Weise bedrängt, sondern versucht dies auch bei den Medien", beklagt Poschardt. Amtsinhaber Duda holte bei der ersten Wahlrunde die meisten Stimmen, doch für einen Sieg der Präsidentenwahl reichte es bisher nicht - Es folgt eine Stichwahl.
welt.de (Springer), welt.de (Poschardt)

“Handelsblatt” will mit mehr Porträts und Themen wie Mobilität punkten.

Handelsblatt soll mit dem Relaunch in neuer Optik auch inhaltlich mehr "Substanz, Exklusivität und Orientierung" bieten, verspricht Chefredakteur Sven Afhüppe im Editorial. Themen wie Mobilität, Energie, Technologie, Geldanlage, Steuern und Konjunktur sollen inhaltlich ausgebaut werden - dazu mehr Porträts von "einflussreichen Menschen".
"Handelsblatt", S. 3 (Paid)

Menschenrechts-Organisationen fordern die Freilassung des Wikileaks-Gründers.

London: Menschenrechts-Organisationen aus fünf Kontinenten fordern in einem offenen Brief die sofortige Freilassung des Wikileaks-Gründers Julian Assange aus dem Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh Prison. Die Klage gegen Assange öffne die Tür zur Kriminalisierung von Aktivitäten, die für investigative Journalisten wichtig seien, beklagt Carles Torner, Chef des Autorenverbands Pen International.
heise.de

Interne Mails: PR-Team von Andreas Scheuer torpediert kritische Medienanfragen.


Bescheuertes Spiel: Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer und sein PR-Team haben offenbar gezielt Anfragen kritischer Journalisten konterkariert, um die Berichterstattung zu ihren Gunsten zu drehen, berichten NDR und WDR. Den Sendern liegen Dokumente und Mails vor, die Scheuers Ministerium an den Untersuchungsausschuss zur Maut-Affäre übersandt hat. Auf einen Fragen-Katalog des "Spiegel"-Redakteurs Gerald Traufetter etwa schlägt der Leiter für Strategisches Medien­management in einer Mail an Scheuer vor, die Antworten "schon heute" an einen anderen Journalisten zu senden, "um die morgige Vorabmeldung des 'Spiegel' zu torpedieren." Scheuers Reaktion: "Vorgehen top", der "Plan" sei "super". Ein ranghoher Beamter im Ministerium rät: "Wir sollten medial dagegen arbeiten und morgen weitere Unterlagen veröffentlichen." Der PR-Coup geht auf: Noch vor der "Spiegel"-Veröffentlichung kündigt Scheuer an, dem Untersuchungsausschuss 30 weitere Aktenordner zur Verfügung zu stellen.

DJV-Sprecher Hendrik Zörner wirft Scheuer "Medienmanipulation" vor. Medienjournalist Daniel Bouhs kommentiert, der Vorgang zeige, "wie schäbig PR-Profis mitunter mit recherchierenden Medien umgehen". Der Sprecher des Verkehrsministeriums, Wolfgang Ainetter, spricht von einem "Fehler" und entschuldigte sich für die "Wortwahl". Bei bis zu 200 Medienanfragen pro Tag könne es in der internen Kommunikation "mitunter zu unglücklichen Formulierungen kommen". (Foto: imago images / Future Image)
tagesschau.de, ndr.de (Kommentar Bouhs)

Aus dem Archiv von turi2.tv: Minister Andreas Scheuer erklärt seine Kommunikation: Neuigkeiten-Zimmer und Instagram Live (10/2018)

Ranga Yogeshwar kritisiert Umgang der “Bild” mit Christian Drosten.

Katastrophen-Berichterstattung: Ranga Yogeshwar bezeichnet im RTL-Podcast "Fragen wir doch" den Umgang der "Bild" mit Christian Drosten als eine "Katastrophe". Er fordert: "Da sollten wir als journalistische Zunft aufstehen und 'Stopp, das geht so nicht!' sagen". Den Grund für die aggressive Berichterstattung wittert Yogeshwar im Auflagenabfall der "Bild": "Das ist vielleicht das letzte Aufbäumen, bei dem man fühlt, dass die eigene Existenz auf dem Spiel steht." Allgemein empfiehlt er, dass Journalismus weg solle von schnellen Nachrichten und hin zu mehr Tiefgang.
maassgenau.de, turi2.de (Background)

Riffreporter befragen 50 Corona-Überlebende mittels Dialog-Software.

Riffreporter befragen mit der Dialog-Software HundredEyes 50 Corona-Überlebende zu ihren Erlebnissen. Die Open-Source-Software soll es Reportern künftig generell ermöglichen, mit mehreren Menschen gleichzeitig für längere Zeit ins Gespräch zu kommen. Aktuell stellen die Riffreporter ihren Protagonisten drei Fragen täglich per Mail oder Messenger, auf die meist prompt geantwortet wird. Erstes Ergebnis ist das Porträt von Isabelle, bei der trotz schwerbehinderter Tochter kein Arzt vorbeikommen wollte.
turi2 - eigene Infos, riffreporter.de (Porträt Isabelle)

Das Medien-Startup Forum.eu bietet eine europäische Medienschau.

Forum.eu startet heute seinen Beta-Betrieb. Die neue Plattform bietet jeden Tag sieben Artikel über Europa aus verschiedenen Medien übersetzt in mehrere Sprachen. Zum Start sind das Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Polnisch und Griechisch. Als Medien sind zu Beginn unter anderem die "FAZ", "El Mundo" aus Spanien sowie "Rzeczpospolita" aus Polen dabei. Weitere Medien sollen folgen. Das Angebot kostet 4 Euro monatlich, zum Start ist Forum.eu kostenlos nutzbar.
forum.eu, per Mail

“taz” sucht nach Anfeindungen Hilfe bei der Polizei.


(K)Ein Freund und Helfer: Hengameh Yaghoobifarah (Foto) und die "taz"-Redaktion suchen nach der umstrittenen Kolumne All cops are berufsunfähig Hilfe bei der Polizei, schreibt der "Focus". Sowohl Yaghoobifarah als auch die Zeitungsredaktion haben zuvor Drohungen erhalten, bestätigt die stellvertretende Chefredakteurin Katrin Gottschalk in der "Welt". Einige Telefonate und E-Mails wurden als direkte Gefährdung für "das körperliche Wohl" eingestuft. Polizeipersonal nahe des Berliner Checkpoint Charlie, unweit der "taz", kümmert sich um die Sicherheit der Redaktion. Die Polizeipräsenz sei eine übliche Sicherheitsmaßnahme, die nichts mit den aktuellen Drohungen zu tun habe.

Die Bitte um ein Beratungs- und Sicherheitsgespräch bei der Berliner Polizei war von der "taz"-Redaktion ausgegangen, nicht von Yaghoobifarah selbst, berichtet die "Welt". In dem satirischen Beitrag vom 15. Juni schreibt Yaghoobifarah die Polizei auf die "Mülldeponie".
focus.de, welt.de, turi2.de (Background)

Attila Hildmann soll Journalisten bei Corona-Demonstration bedroht haben.

Pressefreiheit: Bei einer Demonstration gegen die Corona-Beschränkungen hat der Kochbuchautor Attila Hildmann Journalisten bedroht, schreibt der "Tagesspiegel". Die Polizei habe erst später eingegriffen. Hildmann, der zuletzt mit Aussagen über Verschwörungstheorien Schlagzeilen machte, sagte: "Ihr seid Faschisten und wir werden eure Namen finden und dann gucken wir mal weiter." Ein Demonstrationsteilnehmer habe zudem gegen die Kamera eines Pressevertreters geschlagen.
tagesspiegel.de

Zitat: Twitter verändert die Diskussionskultur, findet Sandra Maischberger.

"Die Wellen der Entrüstung, bei denen es zu Twitter schnell kommen kann, führen dazu, dass manch ein Gast vorsichtiger geworden ist, wenn er sich öffentlich äußert."

ARD-Talkmasterin Sandra Maischberger beklagt bei Quotenmeter, dass Talkgäste immer häufiger schon vor der Sendung pauschal kritisiert werden.
quotenmeter.de, turi2.de (Background)

Hör-Tipp: Meinolf Ellers von der dpa spricht über die Anfänge der Digitalisierung.

Hör-Tipp: Meinolf Ellers (Foto) von der dpa erinnert sich im Gespräch mit VRM-Chefredakteur Stefan Schröder an die Anfänge des Internetzeitalters: Mitte der 1990er war Ellers kaum technikaffin, seine Sicht änderte sich als Korrespondent in Tokio. Zurück in Deutschland bekamen zwei Kolleginnen aus der Wissenschaftsredaktion den ersten Internetzugang der dpa. Heute gehöre Skandinavien zu den Vorreitern der Digitalisierung.
schroeder-trifft.podigee.io (62-Min-Audio)

Rezo: Journalisten müssen sich Kritik gefallen lassen – genau wie Rapper.

Rezo trifft auf Renner: In der "Berliner Zeitung" stellt sich der YouTuber den sehr ausführlichen Fragen von Kai-Hinrich Renner zum "Zerstörung der Presse"-Video. Jede "Szene" habe ihre eigenen Regeln und müsse sich Kritik von extern gefallen lassen, findet Rezo: "Wenn ein Journalist einem Rapper zum Beispiel fragwürdige Textinhalte vorwirft und der Rapper damit antwortet, dass innerhalb seiner Szene diese Texte aber anders gewertet werden, ist das nur sehr bedingt ein Argument."
berliner-zeitung.de, turi2.de (Background), turi2.de/koepfe (Profil Renner)

SWR-Intendant Kai Gniffke will Seifenopern “auf keinen Fall streichen”.

SWR: Intendant Kai Gniffke verteidigt die hohen Kosten für Sport und Daily Soaps bei den Öffentlich-Rechtlichen. Die Sendungen würden von Jung und Alt gesehen. "Und wer kümmert sich sonst um die ältere Generation? Niemand!". Gniffke sagt, der Sender suche den Dialog, fordere dafür aber auch einen respektvollen Umgang gegenüber Journalist*innen ein: "Wir sind keine Mimosen. Aber bei Bedrohungen und Beleidigungen ist Feierabend."
volksfreund.de, turi2.de/koepfe (Profil Gniffke)

Zitat: Alleingang beim Leistungsschutzrecht 2013 war ein “Desaster”, findet Tabea Rößner.

"Bis heute wurde das Leistungsschutzrecht nicht evaluiert. Vermutlich war den Verantwortlichen klar, was sie für ein Desaster produziert haben."

Die grüne Netzpolitikerin Tabea Rößner kritisiert in der "Süddeutschen" das 2013 eingeführte und 2019 vom EuGH kassierte deutsche Leistungsschutzrecht für Presseverlage. Sie sehe "keinen Grund, warum es beim zweiten Versuch klappen sollte".
sueddeutsche.de, turi2.de (Background)

Meinung: Wirecard-Pleite ist der späte, aber große Triumph der “Financial Times”.

Wirecard: Der Abstieg des Zahlungsdienstleisters ist maßgeblich das Resultat der unermüdlichen Recherchen der "Financial Times", erinnert Nils Jacobsen. Die Zeitung hatte Anfang 2019 mit einem ersten Bericht über mögliche Geld­wäsche und Konten­fälschung bei Wirecard den Stein ins Rollen gebracht. Trotz Klagen und Vorwürfen ließen die "FT"-Journalisten nicht locker, auch weil die japanische Mutter Nikkei das unternehmerisches Risiko der Auseinander­setzung mit einem damals deutlich wertvolleren Konzern nicht scheute.
meedia.de, ft.com (Historie Wirecard)

Lese-Tipp: Die linksliberale Linie von “La Repubblica” ist in Gefahr.

Lese-Tipp: Die Zeitung "La Repubblica" richtet ihre traditionell linksliberale Linie unter ihrem neuen Eigentümer, dem Fiat-Erben John Elkann, allmählich neu aus, beobachtet Ulrich Ladurner. So habe das Blatt zuletzt mit Donald Trump, mit Netanjahus Siedlungspolitik – und auch offen mit Fiat sympathisiert. Ladurner hält es für möglich, "dass die linke Tradition der Zeitung durch die Übernahme" gefährdet ist. Fiat-Erbe Elkann besitzt über die Familien-Holding Exor auch Anteile am britischen Magazin "The Economist".
zeit.de, turi2.de (Background)

Zitat: Claus Kleber bedauert “Ton und Stil” früher Corona-Beiträge.

"Ich bin Journalist, ich habe keine Aktion gut zu finden."

Claus Kleber, Moderator beim "heute journal" des ZDF, sagt im Video-Chat der Heraeus-Bildungsstiftung, es habe am Beginn der Corona-Krise von ihm einen Beitrag gegeben, der "in Ton und Stil" zu nah an der Regierung gewesen sei.
turi2 digital dabei beim Chat der heraeus-bildungsstiftung.de

Zitat: New Work muss für alle gelten, sagt Maria Exner, Vize von Zeit Online.

"Mein Gefühl zu New Work vor Corona war, dass damit nicht alle gemeint waren."

Maria Exner, noch Vize-Chefredakteurin von Zeit Online, bald Vize des "Zeit Magazins", sagt im Role Models Podcast, die Debatte um modernes Arbeiten muss, um glaubwürdig zu bleiben, künftig auch alle einschließen, die keine Schreibtischtäter mit festen Arbeitszeiten sind.
soundcloud.com, turi2.de (Background)

“taz”: Horst Seehofer ist nach Anzeigen-Ankündigung abgetaucht.

Abgetaucht: Innenminister Horst Seehofer ist nach seiner angekündigten Anzeige gegen "taz"-Autorin Hengameh Yaghoobifarah erstaunlich unsichtbar und hat alle Termine abgesagt, schreibt Konrad Litschko. Er vermutet einen "schwelenden Konflikt" mit Kanzlerin Merkel hinter den Kulissen. Denn laut Regierungssprecher Steffen Seibert habe es ein "vertrauliches Gespräch" der beiden über die Ankündigung gegeben. Hunderte Menschen aus Journalismus, Kultur und Politik haben sich in einem offenen Brief an Merkel hinter Yaghoobifarah gestellt.
taz.de, turi2.de (Background)

Wir graturilieren: Volker Schütz wird 61.


Wir graturilieren: Volker Schütz, Medien-Experte und seit mehr als 17 Jahren Horizont-Chefredakteur, feiert heute seinen 61. Geburtstag – und zwar im Garten der Eltern, mit seinen beiden Kindern und Erdbeertorte. Die könnte er gleich darauf auf seinem Cowboy E-Bike wieder wegstrampeln. Schütz hat das Rad, wie er schreibt, als das "ultimative Fortbewegungsmittel in der City" im abgelaufenen Jahr für sich entdeckt. Fürs nächste wünscht er sich neben einem Corona-Impfstoff, "dass das Business wieder anzieht" und dass sein "Lieblings-IPA-Bier auch in Frankfurter Kneipen gezapft wird". Geburtstagsgrüße nimmt Schütz auf allen Wegen entgegen, zum Beispiel per Linked-in oder Twitter.  (Foto: Maja Baumeister)

Hunderte stellen sich in offenem Brief an Merkel hinter “taz”-Kolumnist*in.

"taz"-Kolumne: Hunderte Menschen aus Journalismus, Kultur und Politik stellen sich in einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Merkel hinter Autor*in Hengameh Yaghoobifarah. Die Unterzeichner*innen, darunter Jan Böhmermann und Carola Rackete, sehen in der von Innenminister Horst Seehofer angekündigten Strafanzeige gegen Yaghoobifarah einen "massiven Angriff gegen die Presse- und Meinungsfreiheit" und fordern einen Diskurs über rassistische Polizeigewalt. Seehofer solle sich entschuldigen.
friendsofhengameh.wordpress.com, turi2.de (Background)

Meinung: Der “taz”-Konflikt zur Polizei-Satire offenbart einen Generationenkonflikt.

taz: Der zum Teil öffentlich ausgetragene Konflikt zur Polizei-Satire offenbart einen Generationenkonflikt im Journalismus, schreiben Elisa Britzelmeier und Jens Schneider. Vor allem jüngere Autor*innen, insbesondere wenn sie zum Beispiel selbst Diskriminierungen erfahren haben, würden sich oft nicht mit Analysen oder argumentierenden Meinungsstücken begnügen. Der Konflikt schwelle auch in anderen Redaktionen, breche in der "taz" wie in vielen anderen Fällen zuvor nur zuerst aus.
sueddeutsche.de, turi2.de (Background)

Wegen Polizei-Satire: Horst Seehofer erstattet Anzeige gegen “taz”-Autorin.


Bundes-Anzeiger: Horst Seehofer will "als Bundesinnenminister" Strafanzeige "wegen des unsäglichen Artikels in der 'taz' über die Polizei" gegen die Autorin Hengameh Yaghoobifarah stellen, berichtet die "Bild". Seehofer begründet den Schritt auch mit den Ausschreitungen in Stuttgart: "Eine Enthemmung der Worte führt unweigerlich zu einer Enthemmung der Taten und zu Gewaltexzessen, genauso wie wir es jetzt in Stuttgart gesehen haben. Das dürfen wir nicht weiter hinnehmen." Auf Twitter erhält Yaghoobifarah derweil Solidaritätsbekundungen, u.a. von Buzzfeed-Chefredakteur Daniel Drepper, der schreibt: "Die Strafanzeige von Horst Seehofer gegen Hengameh Yaghoobifarah ist eine unfassbare Eskalation und ein klarer Angriff auf die Pressefreiheit. Dass die 'Bild' ihm mit einer unsäglichen Aufmacher-Meldung beispringt ist nicht verwunderlich - schändlich bleibt es trotzdem."

Jan Böhmermann twittert: "Mit dieser gefährlichen Effekthascherei beschädigt Horst Seehofer nicht nur das Vertrauen in den Staat. Welche Autorität hat ein Minister noch, der so eine Axt aus seinem Amt heraus an die Debatte setzen muss?" In ihrer Satire hatte Yaghoobifarah geschrieben, Polizist*innen sollten nach der Abschaffung der Polizei zu "ihresgleichen" auf die Mülldeponie. Der Beitrag sorgte für starken Protest, auch innerhalb der "taz".
bild.de

Zitat: Journalismus-Professor Holger Wormer rät, nicht zu jedem Thema beide Seiten zu hören.

"Es ist die Idee des politischen Journalismus, dass man immer auch die Gegenseite hört, aber in der Berichterstattung über Wissenschaft kann das zu Verzerrung führen."

Der Dortmunder Journalismus-Professor Holger Wormer sagt in der "Süddeutschen Zeitung", dass es nicht die Aufgabe von Journalist*innen sei, grundsätzlich alle Gegenmeinungen abzubilden, z.B. in der Corona-Krise.
sueddeutsche.de (Paid)

Freischreiber Honorarreport: Journalist*innen erhalten oft kein ausreichendes Honorar.

Journalisten-Honorare: Freie Journalist*innen erhalten viel zu oft eher ein Taschengeld als ein angemessenes Honorar, kritisiert der Verband Freischreiber in seinem Honorarreport 2020. Das Stundenhonorar liege im Mittel bei 22,73 Euro brutto. Auffällig seien die großen Schwankungen zwischen den Medien. Besonders schlecht verdienen laut Freischreiber freie Lokaljournalist*innen: Mehr als 26 % von ihnen erhalten für ihre Arbeit maximal 10 Euro brutto pro Stunde, 41 % nicht mehr als 15 Euro brutto pro Stunde.
wasjournalistenverdienen.de

Stadtmagazin “Zitty” gibt auf.

Zitty, Berliner Stadt- und Schwestermagazin von Tip Berlin des Go City Media Verlags, wird ab sofort nicht mehr erscheinen. Das Aus treffe nicht die festangestellte Redaktion, aber Freie und Pauschalist*innen, melden "Tagesspiegel" und Berliner Journalistenverband. Zitty, 1977 gegründet, sei das "erste Opfer von Corona in der Berliner Medienlandschaft", sagt der Berliner DJV-Vorsitzende Christian Walther.
tagesspiegel.de

Steingarts “Morning Briefing”-Inhalte erscheinen künftig auch im Bloomberg Terminal.

Morning Briefing von Gabor Steingart erscheint künftig auch im Bloomberg Terminal. Der Dienst für Finanz-Fachleute bietet Finanzmarktdaten in Echtzeit und erreicht weltweit laut Steingart 325.000 Entscheider. Die Texte und Interviews aus dem "Morning Briefing" erscheinen im Rahmen einer Lizenzvereinbarung.
news.gaborsteingart.com, meedia.de

Bild des Tages: Wenig Platz im Lübcke-Prozess.


Alle da, Klappe zu: Die Tore der Sicherheitsschleuse am Landgericht in Frankfurt am Main schließen hinter den Fahrzeugen, mit denen die Angeklagten im Mordfall Lübcke ins Gerichtsgebäude gebracht wurden. Unter hohen Sicherheitsvorkehrungen findet der Prozess gegen den mutmaßlichen Haupttäter Stephan E. und seinen mutmaßlichen Helfer Markus H. statt. Weil wegen Corona deutlich weniger Journalist*innen als ursprünglich vorgesehen in den Gerichtssaal dürfen und Smartphones sowie Laptops darin verboten sind, kritisierten Journalistenverbände die Situation für die Presse vor Ort. (Foto: Boris Roessler / dpa / Picture Alliance)

Polizeigewerkschaft zeigt “taz” wegen satirischen Beitrags an.

taz bekommt Gegenwind: Wegen eines satirischen Beitrags vom 15. Juni, in der die Autorin die Polizei auf die "Mülldeponie" schreibt, erstattet die Deutsche Polizeigewerkschaft Strafanzeige gegen die Zeitung und kündigt eine Beschwerde beim Deutschen Presserat an. Die Gewerkschaft sieht den Beitrag als volksverhetzend an. Für die Kolleg*innen sei der Text "ein Schlag ins Gesicht". "Solche Art des Denkens" werde die Berufsvertretung "mit allen zu Verfügung stehenden Mitteln bekämpfen".
spiegel.de, tagesspiegel.de, dpolg.de (PM Gewerkschaft), taz.de (Beitrag)

Fall Galizia: Ermittlungen gegen den ehemaligen maltesischen Polizeichef.

Malta: Im Fall der 2017 getöteten Politikjournalistin Daphne Caruana Galizia hat die maltesische Justiz Ermittlungen gegen den ehemaligen Polizeichef des Landes, Lawrence Cutajar, eingeleitet. Er soll mit Menschen in Kontakt gestanden haben, die mutmaßlich am Mord Galizias beteiligt waren. Cutajar war im Januar zurückgetreten. Derzeit müssen sich drei Männer und ein Komplize wegen des Mordes an Galizia vor Gericht verantworten.
taz.deturi2.de (Background)

Regierungskritische philippinische Journalistin Maria Ressa wegen Verleumdung verurteilt.

Pressefreiheit: Maria Ressa, regierungskritische Journalistin und Gründerin der Nachrichten-Webseite Rappler, ist auf den Philippinen verurteilt worden. Ressa war u.a. vorgeworfen worden, einen Unternehmer in einem Artikel aus dem Jahr 2012 verleumdet zu haben. Die Anklage basiert auf einem Gesetz, das erst nach Veröffentlichung des betreffenden Artikels in Kraft trat. Ressa und ihr ebenfalls verurteilter Kollege Reynaldo Santos Jr. sind derzeit gegen Kaution frei, ihre Anwälte wollen in Berufung gehen.
deutschlandfunk.de, spiegel.de, turi2.de (Background)

Zitat: Linda Zervakis hat beim Podcasten gelernt, dass Heimat kein Ort sein muss.

"Ich wurde jahrelang gefragt, was Heimat ist. Dann habe ich meistens Hamburg gesagt. Mir wurde der Blick geöffnet, dass das kein Ort sein muss, sondern eher ein Gefühl."

"Tagesschau"-Sprecherin Linda Zervakis erzählt im Interview mit t-online, was sie bei der Produktion ihres neuen Podcasts "Gute Deutsche" gelernt hat. In den ersten zwei Folgen spricht Zervakis mit Moderatorin Salwa Houmsi und Giovanni di Lorenzo.
t-online.de (Interview), open.spotify.com (Podcast)

“Bild” stichelt gegen den “Spiegel”.

Bild interpretiert aus zwei Meinungs-Beiträgen im "Spiegel" einen Streit um die journalistischen Grundsätze des Magazins. "Spiegel"-Autor Philipp Oehmke (Foto) hatte sich in einem Text zur Entlassung des Meinungschefs der "NYT" für ein Ende des "Neutralitäts-Journalismus" ausgesprochen und mehr Haltung gefordert. Hauptstadt-Korrespondent Florian Gathmann widersprach und forderte, "so neutral wie möglich" zu sein. "Bild" lässt sich vom "Spiegel" versichern: "Augsteins Satz 'Sagen, was ist' leitet seit mehr als 70 Jahren unverändert den Journalismus dieses Hauses. Daran halten wir fest."
bild.de, spiegel.de (Oehmke, Paid), spiegel.de (Gathmann, Paid)

Presserat rügt in neun Fällen öffentlich.

Presserat verteilt neun öffentliche Rügen, darunter: Bild.de ziehe eine "nicht belegte redaktionelle Schlussfolgerung" als Irreführung der Leser, es geht um den Artikel "Ramelow ließ sich mit AfD-Stimme wählen". Die Veröffentlichung des Fotos eines in Syrien erfrorenen Mädchens auf Bild.de verletze die Menschenwürde. Die "Allgäuer Zeitung" trenne Redaktion und Werbung nicht klar. Die "Volksstimme" habe eine unbearbeitet veröffentlichte Pressemitteilung nicht genug gekennzeichnet.
sueddeutsche.de, lifepr.de

Meinung: Der Rückzug von “NYT”-Meinungschef James Bennet zeigt einen Wandel im Journalismus.

Neutralitätsjournalismus ist in den USA nicht mehr das oberste Gebot, analysiert Philipp Oehmke anhand des Abgangs von "NYT"-Meinungschef James Bennet (Foto). Seinen Stuhl habe Bennet nicht räumen müssen, weil er einen menschenverachtenden Beitrag zu verantwortet hatte, sondern weil er den Journalismus nicht mehr verstehe. Die in den USA streng durchgezogene Trennung von Meinung und Fakten sei nicht mehr zeitgemäß im Amerika von Donald Trump. Neutralitätsjournalismus könne seine Aufgabe als Vierte Gewalt nicht wahrnehmen, wenn auch krude Verschwörungstheorien als Meinung zählen. Die Leser*innen würden stattdessen Haltung erwarten.
spiegel.de (Paid), turi2.de (Background)

Zitat: Torsten Beeck beklagt Häme gegenüber Bento und Co.

"Die Häme der Medienbranche, wenn mutige Projekte eingestellt werden, ist wirklich unerträglich. Bento, Vice.de oder BuzzFeed Germany haben gute Leute angezogen. Wenn man so mit ihnen umgeht, muss man sich nicht wundern, wenn kluge Menschen keine Lust auf Journalismus haben."

Torsten Beeck, bei Facebook für Partnerschaften mit Medienhäusern zuständig und früher Social-Media-Chef beim "Spiegel", beklagt auf Twitter den unfairen Umgang mit den Machern junger Medienangebote.
twitter.com, turi2.de (Background)

Video-Tipp: “FAZ” reagiert auf Rezos Presse-Schelte.

Video-Tipp: "FAZ"-Redakteur Constantin van Lijnden (Foto) belehrt in einer Video-Antwort über die Unstimmigkeiten in Rezos "Zerstörung der Presse". "Der coole Typ mit den blauen Haaren" betreibe tatsächlich nur "billige Propaganda in eigener Sache". Van Lijnden kritisiert u.a., dass Rezo keine der zitierten Medien vorab um eine Stellungnahme gebeten habe – und dass er die Qualität der Medienberichterstattung an Artikeln über sich selbst bemisst.
faz.net (31-Min-Video), turi2.de (Rezo-Video)

Basta: Hamburger Morgenpost erklärt AfD auf Titel für “staatszersetzend”.

Das haben sie nun davon: Die "Hamburger Morgenpost" stellt sich hinter Innenminister Horst Seehofer und holt dessen AfD-Kritik auf die Titelseite ihrer Mittwochsausgabe. Das Zitat stand laut Bundesverfassungsgericht zu Unrecht auf der Webseite des Innenministeriums. AfD-Gegner*innen, die mit dem Urteil hadern, dürften die Aktion als Genugtuung sehen – und die freie Presse als AfD-zersetzend.
facebook.com (Hamburger Morgenpost), turi2.de (Background)

Wir graturilieren: Julia Dettmer wird 34.

Wir graturilieren: Journalistin Julia Dettmer feiert heute ihren 34. Geburtstag. Ihren letzten Arbeitgeber Burda und ihren Posten als Bunte.de-Chefredakteurin hat Dettmer Anfang 2020 verlassen. Inzwischen arbeitet sie u.a. als freie Journalistin und Medienberaterin, einen Schritt, den sie "keinen Tag bereut" hat. An ihrem ersten Geburtstag als Selbstständige verzichtet Dettmer nicht nur wegen Corona auf eine große Party. Schwanger könne sie sich das "nicht antun", schreibt sie. Stattdessen gibt's einen Brunch auf der Dachterasse. Ihr Wunsch für das nächste Lebensjahr: ein gesundes erstes "Anfänger-Baby", das wenig schreit und viel schläft. Beruflich hofft sie auf eine bessere Auftragslage für freie Journalist*innen – und dass die Auswirkungen von Corona auf sie und ihre Kolleg*innen wieder nachlassen. Gratulationen zu ihrem Geburtstag erreichen sie z.B. per Instagram oder E-Mail. Wer noch unschlüssig ist, für den hat Dettmer einen anderen Vorschlag: "Ich habe noch nie eine Brieftaube bekommen. Wie wär’s damit?" (Foto: Lisa Hantke)

Meinung: Fake News in Indien nehmen zu.

Fake News und Verschwörungstheorien finden in Indien seit Corona noch stärkere Verbreitung, berichtet der Journalist Pratik Sinha. Vor allem bildungsferne und ärmere Teile der Bevölkerung seien anfällig. Viele hätten erst seit kurzem Zugriff aufs Internet und nie gelernt, mit der Fülle an Informationen umzugehen. Gerade bei medizinischen Themen bliebe ihnen aus Mangel an Alternativen oft nichts anderes als vermeintlich helfende "Hausmittel" gegen Corona. Doch auch die Regierung verbreite falsche Informationen, um von Fehlern abzulenken.
spiegel.de